Farkha Festival 2017: Zwischen Politik und Kultur

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Demo-in-Salfit29.07.2017: Tag vier und fünf waren zur Abwechslung nicht von der vormittäglichen Arbeit geprägt. Diesmal standen neben politischen Inhalten Ausflüge zu kulturellen und historischen Orten im Mittelpunkt. So wurden wir durch die Altstadt Jerusalems geführt, vorbei an den zionistischen Siedlungen und der sehr imposanten Grabeskirche. Am Donnerstag haben wir uns in Salfit an einer Demonstration gegen den Siedlerkolonialismus beteiligt und sind anschließend ins Kana Valley gewandert. Kana Valley liegt in der von Siedlungen umgebenen Area C. Bei den Vorträgen und Diskussionen spielte die Befreiung der Frau wieder eine große Rolle.

 

Ausflug der internationalen TeilnehmerInnen nach Jerusalem

Die sonst tägliche Freiwilligenarbeit im Dorf findet heute ohne uns "Internationals" aus Spanien und Deutschland statt, denn heute ist für uns ein Ausflug nach Jerusalem mit Vortrag und Führung durch die Altstadt geplant. Noch schnell ein Manqesh und einen Chai-Tee, los geht’s!

Mit dem Bus fahren wir rund eine Stunde. Die Straßen hin nach Jerusalem schlängeln sich durch Dörfer, Täler und Olivenhänge. Auf jeder Kuppel eines Berges erstreckt sich eine unglaubliche Weite, dominiert von steiniger und kaum fruchtbarer Oberfläche. Jäh durchbrochen wird diese ruhige Szenerie jedoch von Mauern, Zäunen, Wachtürmen und Checkpoints, die das Leben in den palästinensischen Gebieten weitestgehend kontrollieren.

Siedlerkolonialismus und Vertreibung

Bis heute gilt im Westjordanland militärisches Besatzungsrecht. In diesem Gebiet leben etwa 300.000 israelische Siedler in 121 von der israelischen Regierung "autorisierten" Siedlungen. Es handelt sich um kleine umzäunte Dörfer und um große Städte mit über 30.000 Einwohnern. Hinzu kommen noch so genannte illegale Außenposten. Das sind Siedlungen, die ab dem Jahr 2001 "wild" errichtet worden sind, ohne Regierungsbeschluss. Das "illegal" bezieht sich auf israelisches Recht und nicht auf internationales Völkerrecht. Denn nach Völkerrecht sind alle Siedlungen illegal; es ist einem Besatzerstaat verboten, seine Bevölkerung in besetztem Land anzusiedeln. Erst Ende Dezember 2016 hatte der UN-Sicherheitsrat wieder eine Resolution gegen den israelischen Siedlungsbau verabschiedet. Darin wurde der sofortige Stopp der volkerrechtswidrigen israelischer Siedlungsaktivitäten im Westjordanland und in Ost-Jerusalem gefordert. Trotzdem geht der Kolonialisierungsprozess ungehindert weiter.

In Jerusalem angekommen versammelten wir uns im Büro des "Jerusalem legal aid and human rights centre" (JLAC). JLAC ist eine NGO die Palästinenser*innen unter anderem Unterstützung und Rechtsbeistand bei illegalen Häuserzerstörungen gibt (siehe Artikel Tag 3). Auch Rami Saleh, der bereits am Tag zuvor in Farkha den Vortrag über die aktuelle Lage in Jerusalem gehalten hat, trafen wir wieder. Er gibt uns nochmals einen kurzen Überblick zur Lage Jerusalems in Hinblick auf den "Masterplan 2020", der vorsieht, Jerusalem zur israelischen Hauptstadt zu machen und den Anteil der jüdischen Bevölkerung in der Stadt auf mindestens 70 Prozent zu steigern. Sami erzählt, was dabei gängige Vorgehensweisen sind: Kinder kommen nach der Schule nach Hause und sie können ihr Haus und das ihrer Familie nicht mehr vorfinden, weil es zerstört wurde. Den Abriss des Hauses müssen die Familien oft selbst bezahlen, oder sie reißen es selbst ein. Wer ein neues Haus bauen möchte muss im Extremfall eine Dauer von 12 Jahren oder mehr auf sich nehmen, um überhaupt eine Erlaubnis für den Neubau zu bekommen. In den seltensten Fällen treten die Familien diesen Kampf. Viele ziehen weg.

Deutlich wurde dies bei der anschließenden Führung durch Jerusalem und seine Altstadt. Es scheint fast so als würden die zionistischen Siedler*innen eigene Viertel in den bereits bestehenden Vierteln unterhalten. Unser Stadtführer erklärte uns, dass viele Häuser und Wohnungen vor allem in den 80er Jahren genommen wurden. Hintergrund dafür war das Jerusalemgesetz, das 1980 von der Knesset verabschiedet wurde und die faktische Annexion Ostjerusalems bedeutet.

Heute sind es mehr als 200.000 Siedler*innen, die in dem stark arabisch geprägten Ostjerusalem leben. Und es werden mehr. Im Januar dieses Jahres wurden 556 Wohnungen genehmigt (http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/israel-ostjerusalem-siedlungsbau-un-resolution). Weitere Siedlungen stehen aus. Der "Masterplan 2020" läuft.

Sehr eindrucksvoll war der anschließende Besuch der Grabeskirche, welche im Christentum als eine der größten Heiligtümer angesehen wird. Nicht nur soll sich hier der Golgotafelsen befinden, die Stelle, an der Jesus gekreuzigt wurde. Der Überlieferung nach ist in der 1809 errichteten Grabeskapelle innerhalb der Grabeskirche zudem der Ort, an dem Jesus begraben wurde, nachdem er auf dem Salbungsstein, direkt am Eingang der Kirche, für die Bestattung vorbereitet wurde. Ob die Grabeskirche aber tatsächlich der Ort der Kreuzigung und des Grabes ist, wird von manchen aber bezweifelt. Sie vermuten als Begräbnisstätte das 1867 entdeckte Gartengrab nahe des Damaskustores oder das Talpiot Grab, das fünf Kilometer von der Altstadt Jerusalems entfernt liegt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Grabeskirche#Das_Heilige_Grab)

Kinderfest und Konzert

Wie jedes Jahr fand auch dieses Mal das Kinderfest statt. Dafür kamen Kinder aus Farkha und den umliegenden Dörfern Farkhas zusammen, um gemeinsam zu tanzen, zu singen und um die schwierige Lage, in der sie aufwachsen, für ein paar Stunden zu vergessen. Natürlich ist die Teilnahme an diesem Fest kostenlos, denn jedes Kind, egal aus welchen sozialen Hintergründen, soll die Möglichkeit erhalten, mitzufeiern.

Den Abschluss fand dieser sehr geschichtsreiche und spannende vierte Tag schließlich mit einem Konzert in der Aula der Schule. Daran war wieder einmal zu sehen, dass man für gute Musik nicht viel braucht. Eine Gitarre, eine Konga und Gesang, fertig! Gemeinsam tanzten wir zu traditionellen palästinensischen Stücken und sangen (wir Internationals versuchten es zumindest, mehr schlecht als recht) Arbeiter*innenlieder.

Demonstration in Salfit gegen Siedlungsbau und Vertreibung

Auch am fünften Tag des Festivals wurde keine Freiwilligenarbeit in Farkha verrichtet. Stattdessen fuhren wir, dieses Mal alle, in die Nachbarstadt Salfit. Salfit ist eine der Städte, die sich dem "Öko-Village" Projekt Farkhas sehr solidarisch zeigt. Unterstützung stellen sie vor allem mit Geld, aber auch mit Gerätschaften zum Demo-in-Salfit-2Anbau und zur Bepflanzung von Obst und Gemüse bereit.

Salfit ist eines der am stärksten von der Besatzung und vom Siedlungsbau betroffenen Städte in der Westbank. Das bedeutet, dass auch die dort lebenden Bäuerinnen und Bauern mit Landraub zu tun haben, was wiederum nach sich zieht, dass ihnen stets weniger Anbaufläche zur Verfügung steht, das Dorf nicht mehr vom eigenen Anbau leben kann und auf israelische Produkte zurückgreifen muss, die oft in den besetzten Gebieten angebaut oder hergestellt werden.

Aus diesem Grund fand in Salfit heute eine Demonstration statt (Foto links und Foto oben), die sich gegen den Siedlungsbau richtete und auf mehr Selbstbestimmung, insbesondere in Hinblick auf die eben erwähnte Nahrungssituation, abzielte. Auch Salfit und seine Bürger*innen werden zukünftig hoffentlich den Weg gehen, das Projekt eines "Öko-Village" in Betracht zu ziehen, um somit wenigstens einen Teil ihrer Unabhängigkeit zurück zu gewinnen.

"Die Bildung der Frau ist eine sehr wichtige Aufgabe"

Nach der Demonstration in Salfit fuhren wir in ein weiteres Dorf namens Derrastia. Und auch dort wurde ein weiteres Mal deutlich, dass progressive Gedanken und Einstellungen stets mehr Räume finden. Denn als wir uns im Rathaus versammelten, sprach unter anderem Aysha Abo Sahde zu uns. Sie ist Teil des Dorfrats und hat ihre Ansprache insbesondere dafür genutzt, um festzuhalten, wie wichtig es ist, dass auch Frauen lernen und lehren und eine Ausbildung erhalten sollen, um unabhängig und stark zu sein. "Die Bildung der Frau ist eine sehr wichtige Aufgabe", fügte sie hinzu.

Dass es sich dabei nicht nur um eine Floskel handelt, wird daran deutlich, dass Derrastia zu den wenigen Orten gehört, in denen die Mehrzahl der Bürger*innen eine gute schulische Ausbildung oder sogar ein Studium absolviert haben. Dabei sind es vergleichsweise mehr Frauen als Männer, die eine solche Ausbildung genießen konnten und können.

Kana Valley

Neben den vielen neuen politischen Inhalten, den täglichen Diskussionen und Vorträgen darf man aber nicht vergessen, einfach mal den Rucksack zu packen und wandern zu gehen, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Wir fuhren deshalb nach unserem Aufenthalt in Derrastia weiter in das "Kana Valley".

Wanderung Kana-ValleyDas Kana Valley liegt in der Area C der Westbank und ist durch die Besonderheit geprägt, dass dort eine Wasserquelle den Bergen entspringt, was sofort zu erkennen ist, da rund um die Quelle grüne Wiesen und waldähnliche Flächen zu finden sind. Diese erreicht man aber erst gegen Ende der Wanderung. Zu Beginn schlängelt sich ein Schotterweg wie gewohnt durch staubige und felsige Gegenden, zwischen großen Flächen von Olivenbäumen hindurch. Den Weg zur Quelle nutzen wir, um den Fußweg des Tales vom Müll zu befreien. Leider sind weite Teile Palästinas von Müll, insbesondere Plastik, übersäht, was für Mensch, Tier und Natur schwerwiegende Folgen haben kann.

Bei der Quelle angekommen haben wir gemeinsam gegessen und uns unter den Olivenbäumen ausgeruht und schlafen gelegt. Schließlich hatte es auch bei der Wanderung im Kana Valley erneut rund 35°C und wegen der umliegenden Berge war ein lauer Wind nur selten.

Bei aller Schönheit der Natur im Kana Valley war es aber ein sehr merkwürdiges und bedrückendes Gefühl, von israelischen Siedlungen umgeben zu sein, die sich rund um das Kana Valley auf den Bergen befanden.

 

txt und fotos: Max van Beveren


 

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