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muenchen_demo_aleviten_kerem_0325_30004.08.2012: Aleviten aus ganz Bayern protestierten am vergangenen Donnerstag gegen die Verfolgung ihrer Religion in der Türkei. Mehr als 250 Menschen waren vor dem türkischen Generalkonsulat in München zusammen gekommen um gegen die neuerliche Hetze gegen die alevitische Minderheit zu demonstrieren. Die muslimische Welt befindet sich gerade in der Fastenzeit Ramadan, so auch in der Türkei. Doch nicht alle Menschen muslimischen Glaubens fasten zu dieser Zeit. So zum Beispiel die Aleviten, eine konfessionelle Abspaltung aus dem schiitischen Islam vor gut 700 Jahren, die unter anderem im türkischen Anatolien und den kurdischen Gebieten der Türkei lebt.

Ihre Religionsauslegung sieht das Fasten nicht vor und auch insgesamt werden die muslimischen Regeln anders und weniger dogmatisch ausgelegt, als das bei großen Teilen der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit der Fall ist. Insgesamt soll es 10 – 25 Millionen Menschen dieses Glaubens geben, die Zahlen schwanken allerdings stark.

Im Mittelpunkt ihrer religiösen Anschauungen steht der Mensch als eigenverantwortliches Wesen, der sich mehr auf das Leben auf der Erde konzentriert, als auf die Glücksversprechungen im Jenseits. Auch wird das Gebet nicht in der konventionellen Form der Schiiten oder Sunniten in einer Moschee verrichtet. Es ist kein eigener Raum oder eine spezielle Uhrzeit vorgegeben, sondern die Ausübung obliegt dem individuellen Verlangen jedes einzelnen Aleviten. Als Ort der (religiösen) Zusammenkunft dienen sogenannte „Cem Evleri“.

Viele dieser Religionsrichtung angehörigen Menschen haben fortschrittliche und linke politische Einstellungen und wählen in der Türkei vor allem sozialistische und andere linke Parteien. Die religiöse Minderheit der Aleviten ist in der Türkei (und davor im Osmanischen Reich) seit Beginn ihrer Existenz Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt. Im Jahr 1993 kamen bei einem alevitischen Kulturfestival zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal in der türkischen Stadt Sivas 37 Menschen ums Leben, als eine aufgehetzte Menge von bis zu 20.000 Menschen die Teilnehmer des Festivals durch die Stadt jagte und ein Hotel anzündete in dem viele Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler Zuflucht gefunden hatten. Anfang dieses Jahres wurden die Gerichtsprozesse wegen „Verjährung“ eingestellt und die Mörder laufen gelassen.

Dies entspricht der generellen Politik der türkischen Regierungspartei AKP gegenüber den Aleviten. Die AKP betreibt einen neoliberal-islamischen (sunnitischen) Umbau der Türkei und sieht dabei diese religiöse Minderheit genauso wie die Kurden als ein Hindernis an, wählten die Aleviten doch bei den vergangenen Parlamentswahlen im Juni 2011 mehrheitlich die Republikanische Volkspartei CHP oder die unabhängigen KandidatInnen des linken und kurdischen Wahlbündnisses.

muenchen_demo_aleviten_kerem_0329_300In den letzten Monaten nimmt die Unterdrückung dieser Glaubensgemeinschaft wieder zu und so sprach auch die „Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. Landesvertretung Bayern“ auf der Demonstration davon, dass der Ton der türkischen Regierung gegenüber den Aleviten rauer wird. In der ganzen Türkei werden zur Zeit ihre Versammlungshäuser „Cem Evleri“ auf Anornung der Behörden geschlossen, da Aleviten in Moscheen zu beten hätten. Der Vorschlag eines CHP-Abgeordneten im Parlament, einen Gebetsraum für alevitische Parlamentarier einzurichten, wurde mit der selben Begründung abgelehnt.

Zu einer weiteren Eskalation kam es vergangene Woche in der Region Malatya im Dorf Sürgü. Dort überfiel ein religiöser Mob aus 100 – 200 Menschen das Haus einer alevitischen Familie allein aus dem Grund, dass diese nicht fastet. Das Gebäude wurde unter Parolen wie „Wir kriegen euch“ oder „Euch lehren wir die Religion“ mit Steinen beschmissen. Die Familie kann sich bis heute nicht frei in ihrem Dorf bewegen. Der AKP nahe stehende Journalisten und Medien schoben die Schuld der Familie zu und präsentierten eine Einzeltäterthese, laut der die alleinige Schuld einem Mann sunnitischen Glaubens zugeschoben wurde, der die restlichen 200 Menschen dazu motiviert hätte, seinen religiösen Hass auszuleben. Eine auch in Deutschland im Bezug auf terroristische Neonaziorganisationen bekannte Methode.

muenchen_demo_aleviten_kerem_331_300Die Aleviten Bayerns fanden für diese Vorfälle deutliche Worte: „An dieser Entwicklung ist die Regierungspartei AKP und der Ministerpräsident Erdogan schuld. Vor ein paar Jahren haben sie den Aleviten, Kurden und anderen politisch Verfolgten leere Versprechungen gemacht und behauptet, dass die Türkei einem Demokratisierungsprozess unterzogen werden soll, was nicht geschehen ist. Die reale Situation ist allerdings, dass gegen die Kurden Krieg geführt wird (...)“. So stand auf den Schildern der Demonstranten vor der Vertretung der Türkei unter anderem „Schulter an Schulter gegen Faschismus“ und „Nein zum Religionsterror“. Auch einige KurdInnen, die unter starker Verfolgung in der Türkei stehen beteiligten sich an dem Protest und zeigten ihre Solidarität mit den Aleviten.

Text/Fotos: Kerem Schamberger

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