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Edith-Stine-Montage-300pEdith (87) und Stine (26) von der marxistischen linken im Gespräch

23.12.2017: "Ich bin 1947 mit 16 Jahren in die KPD und FDJ eingetreten. Seit der Zeit bin ich ununterbrochen Mitglied der KPD und ab 1968 dann der DKP gewesen. Jetzt bin ich Mitglied der marxistischen linken", sagt die 87jährige Edith Schmitt im Gespräch ++ Stine, 26 Jahre alt, kam zur marxistischen linken, weil diese ein Ort ist, "in dem sowohl für marxistische politische Diskussion als auch für ein solidarisches Miteinander von Menschen mit sehr unterschiedlichen persönlichen und politischen Biografien Platz ist" ++ Günther Stamer unterhielt sich mit dem ältesten und dem jüngsten weiblichen Mitglied der marxistischen linken

 

Vor knapp vier Jahren wurde in Berlin der Verein marxistische linke gegründet als ein Netzwerk von Marxist*innen, Kommunist*innen und Sozialist*innen mit und ohne Partei- oder Organisationszugehörigkeit. Der Verein will einen Rahmen bieten für Debatten über alternative gesellschaftspolitische Entwicklungsmöglichkeiten und ist bestrebt, den Einfluss marxistischen Denkens in Gesellschaft und Politik auszuweiten.

In einem Gespräch mit zwei Mitgliedern des Vereins, mit Edith Schmitt aus Berlin und Stine Jürgensen aus Osnabrück, unterhielt sich Günther Stamer über aktuelle politische Fragen. Das Besondere an diesem Gespräch ist die Tatsache, dass Edith und Stine die altersmäßige Spannweite der Mitgliedschaft der marxistischen linken repräsentieren, und damit auch die sehr unterschiedlichen politischen Zugänge zur marxistischen linken darstellen. Edith ist mit 87 Jahren das älteste und Stine mit 26 Jahren das jüngste weibliche Mitglied.

Günther: Bitte stellt Euch kurz vor und sagt, warum ihr Mitglied der marxistischen linken geworden seid?

Edith: In Polen als deutsche Staatsbürgerin geboren, kam ich nach dem Krieg nach Deggendorf in Bayern und habe dort eine Lehre als "Friseur-Lehrmädchen" - wie es damals hieß – begonnen. Dort bin dann 1947 mit 16 Jahren in die KPD und FDJ eingetreten. Seit der Zeit bin ich ununterbrochen Mitglied der KPD und ab 1968 dann der DKP gewesen. Verheiratet mit einem "Parteiarbeiter" war insbesondere in den 50er und 60er Jahren häufiger Wohnortwechsel angesagt. Seit 1990 war ich in der DKP Berlin organisiert; jetzt im Dezember bin ich ausgetreten und sehe meine politische Heimat in der marxistischen linken.

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"Es tut natürlich weh, wenn man nach so langer Zeit, nach 70 Jahren, aus der Kommunistischen Partei austritt"

Als ich davon gehört hatte, dass sich eine Gruppe der marxistischen linken auch in Berlin gegründet hat und sich regelmäßig trifft, habe ich keinen Moment gezögert, dort einzutreten. In meiner bisherigen Partei, der DKP, hatte ich mich seit geraumer Zeit nicht mehr wohlgefühlt, da dort eine solidarische politische Diskussion nicht mehr möglich war. Die Art und Weise, wie dort politische Auseinandersetzungen geführt wurden, fand ich einfach zum Kotzen. Es tut natürlich weh, wenn man nach so langer Zeit, nach 70 Jahren, aus der Kommunistischen Partei austritt – aber ich bin jetzt überzeugt, dass es das Beste ist, was ich jetzt tun konnte.

Stine: Nach Studien- und Arbeitsaufenthalten in Hamburg, Barcelona, Mexico-City und Berlin möchte ich jetzt mein Soziologie-Master-Studium in Osnabrück abschließen.
Bei mir sieht der Weg zur marxistischen linken ein bisschen anders aus als bei Edith. Über meine Eltern, die – soweit ich zurück denken kann – beide aktiv in der DKP waren, war Politik für mich meine Schwester natürlich immer präsent. Aber während meiner Schulzeit haben mich andere Sachen viel mehr Interessiert als Politik. Erst als ich in Hamburg zu studieren begann, änderte sich das und ich begann, mich dort in den studentischen Interessenvertretungen politisch zu betätigen.

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"... solidarisches Miteinander von Menschen mit sehr unterschiedlichen persönlichen und politischen Biografien"

Als ich dann nach meinem Bachelor-Abschluss nicht mehr in dem universitären Diskussionszusammenhang stand und vorübergehend nach Berlin zog, fand ich dort in der Gruppe der marxistischen linken einen Ort, in dem sowohl für marxistische politische Diskussion als auch für ein solidarisches Miteinander von Menschen mit sehr unterschiedlichen persönlichen  und politischen Biografien Platz war.

Günther: Die marxistische linke trägt in ihrem Namen vier Schlüsselbegriffe: ökologisch, emanzipatorisch, feministisch, integrativ. Könnt ihr damit etwas anfangen und welcher Begriff ist für Euch besonders wichtig?

Stine: Für mich ist der Begriff "feministisch" schon von besonderer Bedeutung. Er stellt sich mir bewusst als Gegenentwurf zu patriarchalischen gesellschaftlichen Strukturen dar. Und das auch in Hinblick auf Sozialismuskonzepte, wie ich sie in der ehemaligen Sowjetunion und der DDR vorgefunden zu haben glaube. Das gleiche trifft in ähnlicher Weise auf die anderen Begriffe zu. Sie müssen meiner Überzeugung nach Bestandteile meines Sozialismus-Verständnisses sein.

Edith: Ich gestehe, dass es für mich etwas schwierig ist, hier bei den erläuternden Unterbegriffen eine Wertung vorzunehmen. Das wichtigste, was ich in einer politischen Organisation immer gesucht und zu einem Großteil meines Lebens auch immer gefunden habe war: Es muss eine marxistische Grundlage vorhanden sein, aufgrund dessen man streitbar und solidarisch diskutiert und zu politischen Wertungen und Aktionen kommt.

Und angesichts der gegenwärtigen Schwäche der linken Kräfte müssen wir alles in unseren Kräften stehende tun, das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. So sehe ich u.a. auch den Sinn in den Unterbegriffen: Gemeinsam mit Bewegungen aktiv zu werden, die ökologische oder feministische Themen zum Schwerpunkt haben, mit ihnen solidarisch für politische Veränderungen in unserem Land zu kämpfen.

Und es ist für mich als alte Kommunistin natürlich auch etwas Neues, dass in einer marxistischen Organisation auch ausdrücklich über Schlagworte wie Feminismus und Ökologie intensiver diskutiert wird.

Über das Widersprüchliche des realen Sozialismus

Günther: Linke Parteien und Projekte sind gerade auch zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution gefordert, ihre Positionen zum realen Sozialismus zu bestimmen. So hatte z.B. Jürgen Kuczynski, namhafter DDR-Ökonom und Gesellschaftswissenschaftler, zwei Meinungen zur DDR: 1977 sagte er, die DDR war eine im Ganzen gute Sache mit tausend Fehlern. 1996, ein Jahr vor seinem Tod, kam er zu dem Ergebnis, die DDR sei ein missglückter Staat mit tausend großen Leistungen gewesen. Wie seht ihr das?  

Edith: Also, in meiner Person spiegelt sich ein bisschen das Widersprüchliche des realen Sozialismus wider. Mein Mann war nach Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland als Jugendlicher in die Sowjetunion geflohen. Dort geriet er in das Räderwerk der stalinschen "Säuberungen" und konnte nur durch Intervention namhafter in der UdSSR lebender deutscher Kommunisten aus der Haft befreit werden. Insofern hatte er großes Glück. Bei vielen anderen deutschen Kommunisten, die ebenfalls unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet worden waren, gelang das nicht. Das ist meine eine Erfahrung.

Auf der anderen Seite war die DDR meiner Meinung nach im Grunde genommen eine gute Sache – wenn man ihre Existenz von ihrem Beginn an bewertet und sie als Gegenmodell zum westdeutschen Staat sieht, wo keinerlei Lehren aus Krieg und Faschismus gezogen worden waren.

Und so sahen wir jungen Kommunist*innen der Bundesrepublik die DDR mit viel Sympathie und sahen in ihr das andere, das bessere Deutschland. Aber natürlich bekamen wir bei Delegationen und Besuchen auch vieles mit, was wir nicht so gut fanden. Wobei es für uns Kommunist*innen der Bundesrepublik natürlich schwer war und immer noch ist, von außen zu erklären, wie es dazu kam.

Aber wenn man das Ende der DDR 1989/1990 sieht, so müssen dort offensichtlich von der Staats- und Parteiführung große Fehler gemacht worden sein, so dass sie die Zustimmung großer Teile der Bevölkerung verloren hatten. Es war für mich ein Jammern und ein Heulen, als alles den Bach runterging. Dass das dann ein gefundenes Fressen für Kohl und die Konzerne wurde, lag auf der Hand.

Stine: Die Oktoberrevolution und der sogenannte "reale Sozialismus" haben natürlich auch in der politischen Diskussion von heute Bedeutung. Zum einen muss man feststellen, dass im herrschenden Diskurs durch die Bank vom Scheitern der Oktoberrevolution und des Sozialismus die Rede ist. Wer also heute für grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen eintritt, muss sich auch immer der kommunistischen Vergangenheit stellen.

Für die Linken heißt das also – mit Blick auf die Oktoberrevolution – was waren deren emanzipatorischen Elemente, was waren die repressiven Elemente und "was lehrt uns das", wie man so schön sagt. Der gute Zweck legitimiert nicht die schlechten Mittel. Das sollte allen als geschichtliche Lehre klar sein. Und damit bin ich auch wieder bei den Inhalten der marxistischen linken, die mit ihrer Orientierung auf ökologische, emanzipatorische, feministische und integrative Inhalte auf Wesentliches verweist, das meiner Meinung nach Merkmale eines zukünftigen "Sozialismus" sein müssten - als Gegensatz zu einem "herrschaftlichen" und ausgrenzenden Sozialismus.

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"Momente der Utopie eines »anderen Lebens« müssen bereits in den gegenwärtigen Bewegungen irgendwie angelegt sein"

Und Momente der Utopie eines "anderen Lebens" müssen bereits in den gegenwärtigen  Bewegungen irgendwie angelegt sein. Es genügt nicht darauf hinzuweisen, dass die gegenwärtige Welt schlecht eingerichtet ist und dass man sie "zerschlagen" müsse, sondern wir müssen positiv aufzeigen, wie eine andere Welt beschaffen sein könnte, und wie man in einem solidarischen Miteinander dort hin gelangen könnte.

Günther: "Verändere die Welt, sie braucht es" hat Bertolt Brecht einst formuliert. Wer sind die "Veränderer"?  In der Satzung der marxistischen linken heißt es, dass sie eine ihrer Aufgaben darin sieht, "wirkungsvoll zu einem Prozess beizutragen, in dem die arbeitende Klasse ihre Zukunft selbst in die Hände nimmt."

Edith: Na ja, nun ist die Arbeiterklasse heute auch nicht mehr das, was sie einmal war. Aber wahrscheinlich müssen wir uns unter Arbeiterklasse auch endlich etwas anderes vorstellen als das, was wir immer noch für Bilder im Kopf haben. Ich kann mich erinnern, dass wir in früheren Ökonomie-Schulungen gerne den "mehrwertproduzierenden Fabrikarbeiter" als das A und O der Arbeiterklasse glorifiziert haben. Aber: Ist nicht ein immer größerer Teil der Bevölkerung "Arbeiterklasse" - egal ob Du an der Werkbank stehst oder am Schreibtisch oder hinter der Aldi-Kasse sitzt? Und alle diese abhängig Beschäftigten müssen wir in Bewegung bringen für ihre eigenen Interessen. Darin sehe ich die Hauptaufgabe einer marxistischen Organisation.

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"Die Arbeiterklasse ist auch nicht mehr das was sie mal war"


Stine: Das sehe ich auch so. Das Problem ist nur, dass die Bürofachangestellte, der Industriearbeiter, der Leiharbeiter oder der im Home-Office-Beschäftigte sich nicht als gleichwertige Teile einer Arbeiterklasse begreifen. Mit dem Verweis auf "mehrwertproduzierend"  habe ich aus feministischer Sicht sowieso meine Schwierigkeiten, weil dies z.B. all jene Frauen ausblendet, die keine Lohnarbeit im klassischen Sinn leisten, sondern die zu Hause unentgeltliche Sorgearbeit tätigen.

In meinen Augen muss die Gesellschaft – und dabei schließe ich Gewerkschaften und linke Gruppen mit ein – stärker den Fokus darauf ausrichten, wer tatsächlich "mehr Wert" für die Gesellschaft leistet. "Care" ist dabei ein zentraler Bestandteil menschlichen Zusammenlebens: Niemand kommt ohne Sorge und Versorgung von anderen oder für andere aus. Die Betreuung kleiner Kinder, die Pflege älterer Menschen, die Versorgung von Kranken, das ehrenamtliche Engagement für Soziales: Sorgearbeit ist überall – nur nicht in der Ökonomie. Jedenfalls scheint es so, als würde es nach wie vor eine "richtige" Wirtschaft geben – und eben Bereiche, die ausgeklammert werden. Care Arbeit "zählt nicht", denn sie widersetzt sich den gängigen wirtschaftlichen Prinzipien von Gewinnsteigerung, Effizienz, Nutzen und Prozessmaximierung. Da müsste ein Umdenken beginnen.

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"...kann man nur international links denken!"

Hinzu kommt, dass wir die Arbeiterklasse immer mehr international begreifen müssen. Vor den abhängig Beschäftigten in unserem Land steht die Aufgabe, sich mit deren Kämpfen weltweit  solidarisch zu zeigen und sich solidarisch zu zeigen mit den Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – in unser Land kommen oder vielfach kommen müssen, weil sie wegen Kriegen oder fehlender Lebensgrundlagen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.

Das berührt auch die Diskussion, die gegenwärtig in der Linkspartei geführt wird: Kann links national denken? Meiner Meinung nach kann man nur international links denken    .

Edith: Eine kurzfristige Lösung für das weltweite Flüchtlingsproblem weiß ich auch nicht. Aber gerade in der Flüchtlingsfrage kommt es bei einer marxistischen Organisation aus meiner persönlichen Erfahrung vor allen Dingen auf zweierlei an:

  • Erstens muss man ohne Wenn und Aber Solidarität mit den Geflüchteten üben.
  • Und zweitens müssen wir die Arbeiterklasse in unserem Land darüber aufklären, warum diese Menschen flüchten mussten und welchen Anteil die Herrschenden unseres Landes an Krieg und Verwüstungen in deren Heimatländern haben.

Aber, es ist natürlich nicht einfach, diese Zusammenhänge allen klar zu machen. Ich erinnere mich daran, wie schwer es beispielsweise in den 60er und 70er Jahren war, den deutschen Arbeitern klar zu machen, dass ihre italienischen, spanischen und türkischen Kollegen eben Kollegen und keine Konkurrenten sind.

Günther: Ich danke Euch, dass Ihr Euch die Zeit für dieses Gespräch genommen habt und bin sicher, dass Ihr bei Lesern dieses Gesprächs das Interesse wecken konntet, bei Veranstaltungen der marxistischen linken vorbei zu schauen oder Mitglied zu werden.

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Heinz Bierbaummit Heinz Bierbaum, Mitglied im Politischen Sekretariat der Partei der Europäischen Linken (EL)

Samstag, 20. Oktober 2018, 14 Uhr
in Frankfurt/ Main
Jugendherberge, Deutschherrnufer 12

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