Literatur und Kunst
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doris gercke Liebe auf Samos cover03.05.2015: Doris Gercke gehört zu den bekanntesten Krimiautoren deutscher Sprache. Ihre „Bella-Block-Krimis“ sind geradezu Kult geworden. Außerdem hat sie Gedichte, Kinder- und Jugendbücher sowie Hörspiele verfasst, zum Teil unter dem Pseudonym Marie-Jo Morell. Doris Gercke lebt in Hamburg. Eva petermann sprach mit ihr über ihr neues Buch mit dem Titel: „Königin der Insel. Eine Liebe auf Samos“.

Eva Petermann: Doris, seit Jahrzehnten bringst du mindestens alle zwei Jahre ein Buch heraus – woher nimmst du eigentlich immer wieder deine Ideen und Figuren?

Doris Gercke: Meine Bücher, bis auf eines, das ich in eine nahe Zukunft verlegt hatte  („Kein fremder Land“), sind immer im Heute angelegt. Heute, - das  bedeutet, ich geh auf die Straße und seh mich um. Ich lese die  Zeitungen (auch solche, die nicht meinen politischen Überzeugungen  entsprechen). Ich gehe ins Kino, ins Theater, ich spreche mit Freunden  und Kollegen, ich nehme das Jetzt in mich auf und versuche, es zu gestalten.

Eva Petermann: Nach deinen Büchern zu urteilen,  bist du doch auch sehr gern in anderen Ländern  unterwegs, oder?

Doris Gercke: Natürlich, das ist ein ganz wesentlicher Aspekt meiner Arbeit. Ohne meine Neugierde auf andere Länder wären viele Bücher nicht entstanden, "Dschingis Khans Tochter" zum Beispiel, für das ich in Odessa war, oder "Für eine Handvoll Dollar", das in Washington angesiedelt ist, oder "Moskau, meine Liebe".
 
Eva Petermann: Dein im März erschienenes Buch spielt in Griechenland: „Die Königin der Insel“ und „Eine Liebe auf Samos“. Welcher  der beiden Titel gefällt dir persönlich besser?

Doris Gercke: Mir gefällt eigentlich ein dritter Titel am besten, den ich mir  ursprünglich ausgedacht hatte, nämlich: "Die grünen Hügel der Türkei".  Es kann aber wirklich sein, dass dieser Titel nicht so besonders  verkaufsträchtig gewesen wäre. Deshalb war ich mit dem Titel "Königin  der Insel", den der Verlag vorgeschlagen hat, einverstanden. "Eine Liebe  auf Samos" ist nur ein Untertitel, ein kleiner Hinweis, damit die  Leserinnen ahnen, worum es geht. Wobei ich hoffe, dass man mich so gut  kennt, keine "Herz-Schmerz-Geschichte" zu erwarten.

Eva Petermann: Davon gehe ich aus! Wie in vielen deiner Werke steht auch hier eine wenig selbstbewusste, unterdrückte Frau im Zentrum, die schließlich rebelliert. Ob allerdings dieser Genia der Ausbruch aus den (nicht nur!) patriarchalisch geprägten Machtstrukturen gelingt, bleibt in der Erzählung offen.
Ich frage mich (und dich): Ist die neue „große Liebe“ der Titelheldin nicht eigentlich nur Mittel zu genau diesem Zweck - auszubrechen ?

Doris Gercke: Ich glaube, dass die große Liebe sehr oft dazu herhalten muss, aus  ungeliebten Vehältnissen auszubrechen. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn  so ein Ausbruch gleichzeitig auch ein Aufbruch für die Frau ist,  Aufbruch hin zu einem selbst bestimmten Leben. Wenn auf den "Ausbruch"  nichts weiter folgt als eine neue Abhängigkeit, dann ist das eher  komisch, finde ich.

Eva Petermann: Im Internet wird das Buch jetzt als „zeitlose Geschichte über die Liebe“ angekündigt.

Doris Gercke: Ich bin nicht verantwortlich für das, was im Internet steht. Eine  "zeitlose Geschichte" über die Liebe kann es schon deshalb nicht geben,  weil die Liebe selbst ein historisches Konstrukt ist und darum nicht  zeitlos.

Eva Petermann: Deine charmant-poetischen Natur- und Landschaftsbeschreibungen, hier und da hingetupft, könnten allerdings zu diesem Eindruck von Zeitlosigkeit verführen. Hinreißende Szenen, die jedoch unversehends umschlagen. Wo der Wind bedrohlich zwischen Büsche und Stämme der Tamarisken fährt, „deren heftig peitschende Zweige beinahe das Geräusch von Windmaschen hervorbrachten“

Doris Gercke: Eine Liebesgeschichte aus Griechenland zu erzählen und dabei die  aktuelle Situation zu übersehen, in der sich das Land befindet, wäre  lächerlich. Das würde die Personen zu abstrakten, blutlosen,  unglaubwürdigen Figuren machen.
Wir existieren nicht unabhängig von der Welt, die uns umgibt, auch nicht, wenn wir lieben.

Eva Petermann: Seit „Weinschröter, du musst hängen“ 1988 ein Riesenerfolg wurde, hast du mehr als 30 Bücher veröffentlicht. Auch im Ausland bist du hoch anerkannt als eine der wenigen bedeutenden deutschsprachigen Krimiautoren.
Dabei hast du nie ein Blatt vor den Mund genommen. Linke, auch die DKP, gehen aus und ein in deinen Werken. Dass der Vater deiner legendären Privatdetektivin Bella Block ein alter Kommunist ist und ihre Mutter ehemalige Spanienkämpferin, scheint indes zumindest deine Fans nicht zu stören.

Doris Gercke: Da muss ich zunächst etwas richtigstellen: Der Vater von Bella Block ist unbekannt, nur Olga, ihre Mutter, weiß, wer er war. Olga, die Kommunistin war und am spanischen Bürgerkrieg teilnahm, hat nur in Andeutungen über ihn gesprochen. Aus ihnen hätte Bella entnehmen können, dass es sich möglicherweise um den Anarchisten Durruti gehandelt hat.
Bella hat sich für ihren Vater nie interessiert, ihre Mutter genügte ihr. Für seine Gedichte bewundert hat sie ihren Großvater Alexander Block …

Eva Petermann: ….den berühmten russischen Dichter, der 1921 an Hunger starb.
In „Eine Liebe auf Samos“ lässt du in einer Nebenrolle als unsentimentalen Retter in der Not einen Christos (!) agieren. Von ihm munkelt man, dass er Kommunist sei.
Gab es bei so viel Sympathie für radikale Linke nie Schwierigkeiten mit Verlagen?

Doris Gercke: Ich hab nie Schwierigkeiten gehabt. Weshalb auch? Verleger sind im  Allgemeinen kluge Leute, die wissen, dass die Welt unterschiedliche  politische Facetten hat. Wenn ein Buch gut geschrieben ist, dann  verlegen sie es, wenn sie sich davon versprechen, dass es gekauft wird.  Das kann zu anderen Zeiten auch anders sein, aber davon sind wir  glücklicherweise weit entfernt.

Eva Petermann: Eine offene Zensur findet nicht statt, ok. Aber müssen nicht oft genug AutorInnen von Verlag zu Verlag rennen mit ihrem Manuskript, bis es angenommen wird oder auch nicht?

Doris Gercke: Ich kann (doch) nur über meine eigenen Erfahrungen sprechen! Über anderes möchte ich nicht spekulieren.
Natürlich müssen  viele Schriftsteller „von Verlag zu Verlag rennen". Das ist  trotzdem etwas anderes, als wenn "Zensur" ausgeübt wird!  Ich glaube, dass letzten Endes das Verkaufsargument am stärksten ist. Denn wie könnte es sonst so sein, dass so viel Mist produziert und angeboten wird?

Eva Petermann: Wir kennen dich vom UZ-Pressefest. Kürzlich warst du auf einem Foto in der UZ zu sehen mit einer Lesung in Hamburg anlässlich des Internationalen Frauentages  Aus welchem Werk hast du da eigentlich vorgelesen?

Doris Gercke: Ich fand es richtig, dass die Hamburger am 8. März auch das Thema Krieg  nicht ausgelassen haben. Ich hab dort aus dem Roman "Bella Ciao"  gelesen, in dem es auch darum geht, dass in Hamburg Rüstung produziert  wird.
Es gibt eine Gruppe von jungen Frauen, die dagegen aufstehen. Mit  ungeeigneten Mitteln, fürchte ich, aber das passiert wohl manchmal, wenn  die Verzweiflung über die Unbeweglichkeit der Menschen zu groß wird.

Eva Petermann: Beim Stöbern im Internet fand ich in einem „Emma“-Interview anlässlich deines 65. Geburtstags den schönen Schlusssatz: “Altersmilde ist Doris Gercke nicht gerade geworden.“  Wenn das kein Kompliment ist!

Doris Gercke:  65. Geburtstag? Das ist lange her! Nein, altersmilde bin ich wohl nicht geworden. Aber verändert habe ich  mich schon. Ich glaube, ich nehme das Leben leichter.

Eva Petermann: Verrätst du,  woran du zur Zeit gerade arbeitest?

Doris Gercke: Ich habe die Arbeit an einem Roman begonnen, den ich vor vielen Jahren  als Marie-Jo Morell begonnen habe und nun als Doris Gercke zu Ende bringen  will.  Wiesbaden - Kiew - Nizza sind die Stationen der Handlung.  Vielleicht gibt es auch einen kleinen Abstecher nach Berlin, wo der BND  zu Hause ist

Eva Petermann: Das hört sich ziemlich brisant und hochaktuell an!
Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir ein großes Publikum für dein neues Buch und alles Gute für das nächste Projekt!

Das Gespräch führte Eva Petermann (Hof)


 Doris Gercke: Königin der Insel. Eine Liebe auf Samos 
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2015
143 Seiten, ISBN 978 – 3- 455-60027-8
16 Euro


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