Literatur und Kunst
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Kurt Tucholsky02.01.2015: Kurt Tucholsky, dem Pazifisten, Antimilitaristen und Antifaschisten zum 125. Geburtstag

„...es ist gewiss, dass das Land in seiner jetzigen (…) Geistesverfassung wieder in eine Katastrophe hineintaumeln wird, genau wie im Jahre 1914: dummstolz, ahnungslos, mit flatternden Idealen und einem in den Landesfarben angestrichenen Brett vor dem Kopf. Dann gehen wieder Gewehre auf Reisen.“

Diese Worte Kurt Tucholskys von Anfang der 20er Jahre sollten sich keine zwanzig Jahre später bitter bewahrheiten. Und auch hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges gehen deutsche Soldaten und deutsche Waffen wieder auf Reisen – und nicht wenige davon aus Schleswig- Holstein und Kiel. Insofern ist Tucholsky heute aktueller denn je.

Aktueller auch als viele heutige namhafte Publizisten und Schriftsteller, die weder in Wort noch Schrift gegen das aktuelle Säbelrasseln Deutschlands und der NATO Stellung beziehen. Da war ein Kurt Tucholsky aus anderem Holz geschnitzt. Insbesondere als Redakteur und Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ entlarvte er den deutschen Militarismus und das Erstarkung der reaktionären Kräfte in Politik, Militär und Justiz und warnte vor der heraufziehenden faschistischen Gefahr. Er war „der kleine, dicke Mann, der mit seiner Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten wollte“ (so sein Mitstreiter Erich Kästner).

Am 9. Januar 1890 in Berlin als Sohn eines jüdische Bankkaufmann geboren, schloss er 1914 sein Jurastudium mit einer Dissertation zum Hypothekenrecht ab – aber bereits während des Studiums war er intensiv journalistisch tätig, so unter anderem für den sozialdemokratischen Vorwärts und für die linksdemokratische Theaterzeitschrift Die Schaubühne, dem später in Die Weltbühne umbenannten Wochenblatt des Publizisten Siegfried Jacobsohn. In jeder Ausgabe der Weltbühne erschienen üblicherweise zwei bis drei Artikel bzw. „Gebrauchslyrik“ von dem Vielschreiber Tucholsky. Um das Blatt nicht allzu „Tucholsky-lastig“ erscheinen zu lassen, hatte er sich bereits 1913 vier Pseudonyme zugelegt, die er bis zum Ende seines publizistischen Wirkens beibehielt: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter und Kaspar Hauser.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern ließ er sich nicht von der patriotischen Hurra-Stimmung zu Beginn des 1. Weltkrieges anstecken. Als politischer Autor hatte Tucholsky bereits im Januar 1919 in der Weltbühne die anti-militaristische Artikelserie Militaria gestartet - ein Angriff auf den preußischen Geist der Offiziere, den er durch den Krieg zusätzlich verroht sah. In der Nachkriegszeit wird er dann zum militanten Pazifisten. „Für einen anständigen Menschen gibt es in Bezug auf seine Kriegshaltung überhaupt nur einen Vorwurf: dass er nicht den Mut aufgebracht hat, Nein zu sagen.“ Für diese Haltung und für seinen Satz „Soldaten sind Mörder“ wurde er zu einem der meistgehassten Publizisten nicht nur in den Reihen der führenden Reichswehrkreise.

In ebenso heftiger Weise prangerte Tucholsky auch die zahlreichen politischen Morde und Mordanschläge auf linke, pazifistische oder liberale Politiker und Publizisten an. „Der deutsche politische Mord der letzten vier Jahre ist schematisch und straff organisiert. (...) Alles steht von vornherein fest: Anstiftung durch unbekannte Geldgeber, die Tat (stets von hinten), schludrige Untersuchung, faule Ausreden, ein paar Phrasen, jämmerliches Kneifertum, milde Strafen, Strafaufschub, Vergünstigungen – Das ist keine schlechte Justiz. Das ist keine mangelhafte Justiz. Das ist überhaupt keine Justiz.“ Fällt einem bei diesen Worten nicht sofort der jetzt verhandelte NSU-Komplex ein, mit seinen nach wie vor weitgehend unaugeklärten Verstrickungen und Vertuschungen von „Staatsschutz“, Polizei, Justiz und Politik ein?

Besonders hart ging er auch mit der SPD ins Gericht, deren Führung er ihr Versagen, ja Verrat an den eigenen Anhängern während der Novemberrevolution und der Weimarer Republik vorwarf. Nach Tucholskys Überzeugung war eine zweite, diesmal erfolgreiche Revolution nötig, um eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen. „Die deutsche Revolution steht noch aus“ heißt es in seinem Artikel anlässlich des zehnten Jahrestages der Novemberrevolution. In dieser Zeit näherte sich Tucholsky politisch der KPD an und veröffentlichte klassenkämpferische Gedichte in der parteinahen „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ).“ 1929 publizierte er gemeinsam mit John Heartfield den Band „Deutschland, Deutschland über alles.“ Die Texte Tucholskys wurden in diesem „Bilderbuch“ mit Fotos von Arbeiterfotografen aus dem Fotoarchiv der AIZ zu einer sozialkritischen Bild – Text – Montage verarbeitet. Später kühlte diese Beziehung zu den Kommunisten aber beiderseitig wieder ab. Einen der Gründe Tucholskys nennt er in einem Brief an seinen Freund Walter Hasenclever am 15.12.34: „Ich verabscheue nichts so sehr, wie diese literarische Gesinnungspolizei, die jeden andern genau auf den Rrrradikalismus prüft.“

Es traf Tucholsky tief, als ihm zu Beginn der 1930er Jahre klar wurde, dass sein publizistisches Wirken für eine antimilitaristische und soziale Republik weitgehend wirkungslos blieb. „Sie rüsten für die Reise ins 'Dritte Reich'“, schrieb er schon Jahre vor der Machtübergabe und hatte keine Illusionen darüber, wohin die Macht der Faschisten das Land führen würde. Im Weltbühne-Prozess gegen Ossietzky war seit 1929 wegen Landesverrats ermittelt worden und Ende 1931 wurde Ossietzky schließlich als Herausgeber der Weltbühne wegen angeblicher Spionage zu 18 Monaten Haft verurteilt. Tucholsky, der seit 1930 seinen Wohnsitz dauerhaft nach Schweden verlegt hatte, setzte sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Freund ein. Tatsächlich erhielt Ossietzky die Auszeichnung im folgenden Jahr rückwirkend für 1935. Den Erfolg seiner Bemühungen erlebte Kurt Tucholsky jedoch nicht mehr.

Angesichts seiner kompromisslosen Haltung gegenüber dem Faschismus war es auch folgerichtig, dass Tucholsky seinen Namen auf der ersten Ausbürgerungsliste von 1933 wiederfand und dass seine Werke nach 1933 verboten wurden. Bei den Bücherverbrennungen am 10. Mai wurden er und Ossietzky explizit genannt: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!

Anfang 1933 schrieb Tucholsky an einen Freund: „Dass unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann keiner schießen.“ Und eine Woche vor seinem Tod resümiert er in einem Brief an seinen Schriftsteller-Kollegen Arnold Zweig:„Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller. Ich enthalte mich jedes öffentlichen Schrittes, weil ich nicht der Mann bin, der eine neue Doktrin bauen kann. Ich bin ausgezeichnet, wenn ich einer noch dumpfen Masseneinsicht Ausdruck geben kann – aber hier ist keine. (Brief vom 15.12.35).

Er gab sich auch nicht der Illusion vieler ins Exil gegangener Politiker und Schriftsteller hin, dass die faschistische Herrschaft Hitlers bald zusammenbrechen werde. Mit realistischem Blick stellte er fest, dass sich im Land kein Erfolg versprechender Widerstand entwickelt und selbst das Ausland Hitlers Herrschaft akzeptierte. Und auch mit seiner Einschätzung, dass Hitler bald einen Krieg beginnen werde, sollte er Recht behalten. Enttäuscht war Tucholsky auch über das Wirken der Arbeiterparteinen. „Der Versuch, die KPD und die SPD im Hinblick auf die Faschisierung zusammenzukriegen, halte ich für aussichtslos. Man hat das ja wiederholt probiert; sie sind ja aber alle so im Apparat befangen – sie sehen immer nur ihren Parteikram – was hat unsereiner dabei zu suchen?“ (in einem Brief an seinen Bruder Fritz,18.1.31).

Tucholskys letzte Lebensjahre in Schweden waren geprägt von zunehmenden gesundheitlichen Problemen, sozialer Vereinsamung und materiellen Sorgen. Als er in seinem Versuch, einen schwedischen Pass zu erhalten, um damit zumindest seine materielle Situation und den Zustand seiner Recht- und Hilflosigkeit zu verbessern, von den schwedischen Behörden immer wieder vertröstet wurde, entschied er sich, aus dem Leben zu scheiden.

Alle zwei Jahre werden seit 1995 engagierte deutschsprachige Publizisten mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet, die der "kleinen Form" wie Essay, Satire, Song, Groteske, Traktat oder Pamphlet verpflichtet sind und sich in ihren Texten konkret auf zeitgeschichtlich-politische Vorgänge beziehen. Ihre Texte sollen im Sinne Tucholskys der Realitätsprüfung dienen, Hintergründe aufdecken und dem Leser bei einer kritischen Urteilsfindung helfen. Bisherige Preisträger waren bislang u.a. der Journalist und Publizist Otto Köhler, der Liedermacher Konstantin Wecker und die Schriftstellerin Daniela Dahn. ( www.tucholsky-gesellschaft.de). Und immer wieder empfehlens- und hörenswert: Ernst Busch singt Tucholsky (Musik: Hanns Eisler).

Text: Günther Stamer


 Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
     Fort die Gruppen – sei unser Panier!
     Na, ihr nicht.
          Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
     Keine Kartelle in unserm Revier!
     Ihr nicht.
          Aber wir.

Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
     Gut organisiert sitzen wir hier ...
     Ihr nicht.
          Aber wir.

Was ihr macht, ist Marxismus.
     Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden ...

Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
     Komme, was da kommen mag.
     Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
     »Ihr nicht.
          Aber Wir. Wir. Wir.«

Theobald Tiger, Die Weltbühne, 04.03.1930


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