Literatur und Kunst
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schluss mit dem totentanz05.11.2014: Bei Konzerten zum Gedenkjahr 2014 rückte der Berliner Hans-Beimler-Chor am 1. und 2. November seine Beteiligung an einem länderübergreifenden künstlerischen Projekt ins öffentliche Licht. Es ist die Performance „WaanVlucht“ – ein flämisches Wortspiel-Plädoyer zur Unterstützung aller Widerstandsformen gegen Kriegswahn, für Fahnenflucht. Sieben Chöre waren bei der Weltkriege-Mahnung am 21. September, dem Internationalen Tag des Friedens, auf Brüsseler Straßen dabei. Regisseur Ruud Gielens und seine Mitarbeiterin Marijs Boulogne rechnen bis 20. September 2015 mit weiteren literarischen, musikalischen und künstlerischen Beiträgen aus dem In- und Ausland. Sie sind dann in geeigneter Form zusammenzuführen.

Zur Auswahl stehen u.a. Texte von James Joyce, Étienne da La Boétie und Sophokles. Im Kern geht es auch um Werke, die sich thematisch etwa an Boris Vians „Ode an den Deserteur“ orientieren. Der legendäre Schriftsteller, Ingenieur, Drehbuchautor, Schauspieler und Jazzmusiker von Saint-Germaine war von 1954 an mit seiner permanenten öffentlichen Ansprache „Monsieur le Président“ nicht mehr allein. Sehr bald ging sie als Protestlied um die Welt, obwohl Paris noch bis Anfang der 60er Jahre auf einem Verbot beharrte. Die entscheidende militärische Niederlage, die die Kolonialmacht Frankreich 1954 bei Dien Bien Phu von der vietnamesischen Befreiungsfront hinzunehmen hatte, hinderten die Regierung nicht, noch im gleichen Jahr Söldner nach Algerien in einen grausamen, langen, letztlich aber aussichtslosen Krieg zu schicken.

Totentanz Konzert 2014 006 HFHarold Berg hat dieses eindringliche Sololied vertont. In deutscher Nachdichtung (Leobald Loewe) und eigenem Arrangement (Johannes C. Gall) mit Klavierbegleitung (Luca Carbonaro) nahm es nun der Hans-Beimler-Chor in sein neues Programm auf: „Verweigert den Befehl, kämpft nicht in ihren Kriegen, glaubt niemals ihren Lügen, der Frieden sei ihr Ziel!“. Mit ebenso großem Erfolg wagten sich Chor und Chorleiter an Frederic Rzewskis anspruchsvolles Auftragswerk „Sag Nein!“ für vierstimmigen Chor a cappella, sie sind damit direkt am „WaanVlucht“-Projekt beteiligt. Der 1938 in Massachusetts geborene Komponist und Pianist verwendete darin zum einen den bekannten Text von Wolfgang Borchert aus dem Jahr 1947, zum anderen den Schluß „Nie wieder Krieg!“ aus Kurt Tucholskys „Drei Minuten Gehör!“. Rzewski, seit 2014 Mitglied der Berliner Akademie der Künste, ist in Europa für viele politische Bezüge in seinem Werk bekannt. Für „Sag Nein!“ dürften wohl auch Spuren der Geschichte der ostbelgischen Stadt Lüttich eine Rolle spielen, wo er über 25 Jahre als Professor für Komposition wirkte.  

waanflucht logoInsofern ordnet sich das Projekt „WaanVlucht“ ein in die zentralen Gedenkveranstaltungen und Ausstellungen in Belgiens Hauptstadt und in Städten Westflanderns: für die zivilen Opfer des deutschen Überfalls ab 4. August 1914, für die ungezählten französischen, englischen und deutschen Soldaten, die dort seit dem ersten deutschen Gasgranatenangriff – Juni 1915 im Ypernbogen – qualvoll erstickten, für die Toten der Infanterie-Stellungskriege zwischen September 1914 und November 1918. Etwa 140 Soldatenfriedhöfe erinnern in Belgien an das Schicksal von vielfach unbekannten Militärangehörigen aus rund 50 Nationen.

Totentanz Konzert 2014 002 HF„Schluss mit dem Totentanz!“ steht deshalb auch grafisch als umfassendes Motto über dem Antikriegskonzert des Beimler-Chors. Es ist eine Verszeile des hier wieder vorgetragenen „Lieds über den Frieden“ für den Weltfriedenskongress von 1949, eingefügt zwischen sich erhebender Friedenstaube und verendendem Kriegsadler. In Hanns Eislers Chorsatz ist die textliche Aufforderung seines Wiener kommunistischen Freundes Ernst Fischer nicht verblasst: „Und sagen wir alle: nein! / Dann wird der Krieg die Vergangenheit / Und der Friede die Zukunft sein.“ Inhaltlich bezieht sich der Hans-Beimler-Chor darauf schon im Eröffnungsbeitrag (Hanns Eisler / Christian Kuntze nach Kurt Tucholskys Text von 1926): „Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben / übern Graben, Leute, übern Graben.“ Dazu passend rezitiert Helmut Dunkhase aus Marx’ und Engels’ „Inauguraladresse an die Internationale Arbeiter-Assoziation“, London 1864. Herauslesbar ist die friedenserzwingende Potenz der im Kampf um ihre Emanzipation international geeinten Arbeiterklasse. Genau ein halbes Jahrhundert später beging die ehemals revolutionäre deutsche Sozialdemokratie bekanntlich ihren Klassenverrat aus nationalistischen Gründen.

Kriegswirklichkeit und klassenkämpferischer Ausblick bestimmen den Fortgang des ersten Teils, von „Spartakus 1919“ über das Hamburger Gaslied der „Roten Raketen“ zu Liedern der Internationalen Brigaden und vielen aus Hanns Eislers Kampfmusikphase. Der zweite Programmteil beginnt mit „Stop the War!“, Frederic Rzewskis Kanon von 1994, und rückt mit den rundum hereinströmen Stimmgruppen näher an die Besucherreihen heran. Markierungen aus 20 Jahren ungehemmtem Neuansatz zur imperialistischen Weltaufteilung können assoziiert, bis zu Erinnerungen an die ersten Berichte über Besatzer-Golfkriegssyndrome und „zivile“ Kriegsverbrechen zurückverfolgt werden. Der friedenserhaltenden Rolle der DDR – Hartmut Fladts „Gegen den Krieg“ auf Worte des DDR-Schriftstellers KuBa – wird indirekt die speziell neudeutsche Rolle in einer eingestreuten Text-Ton-Collage gegenübergestellt: Rüstungs-Machenschaften hierzulande (aus einem Kommentar Hermann M. Gremlizas) vermag Steinmeiers geradezu lächerlicher O-Ton nicht wegzuwischen: Deutschland zu groß, sich aus den Konflikten in der Welt herauszuhalten

Totentanz Konzert 2014 010 HFÜber zwei seiner Mitglieder, die nach Brüssel wechselten, steht der 1972 im Jugendverband FDJW der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin gegründete Hans-Beimler-Chor heute in direktem Kontakt mit dem Brecht-Eisler-Chor in Brüssel. Dieser initiierte das „WaanVlucht“-Projekt. Da beide Chöre inzwischen über ein stilistisch breiter gefasstes Brecht-Eisler-Repertoire verfügen, fiel die basisdemokratische Zustimmung bei Beimlers wohl umstandslos aus. Der promovierte Chorleiter Johannes C. Gall konnte aus seiner eigenen verantwortlichen Mitarbeit an der entstehenden Hanns Eisler Gesamtausgabe (HEGA) manche Repertoire-Erweiterung anregen. Seit 2007 führt er den Chor systematisch zu höheren künstlerischen Leistungen. Bei einer Berliner (Eisler-Chor-)Fassung von Hartmut Fladt liegt die Meßlatte ziemlich hoch: „Und ich werde nicht mehr sehen das Land, aus dem ich gekommen bin“. Das ist ein Teil des durch die Schlacht um Smolensk (1941) veranlaßten Brecht-Eisler-Zyklus „An die deutschen Soldaten im Osten“. Kollektive Programmvorschläge und Mitgestaltungsmöglichkeiten auch durch Rezitationen und Soli hinterlassen deutlich bewußtseinsbildende Spuren. „Der Chor hat mich politisiert“, äußerte Gall dieser Tage im Interview, „und ich habe ihn repolitisiert“.

Hilmar Franz