Literatur und Kunst
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Emerenz Meier bueste cc Andreas Praefcke04.10.2014: Zugegeben: Emerenz Meier ist eine Unbekannte, eine lange Zeit Vergessene. Die literarische Hinterlassenschaft ist, gemessen an Druckauflagen und Werken, nicht allzu umfangreich. Ihr Geburtshaus in Schiefweg bei Waldkirchen im Bayerischen Wald, einst als Dorfwirtshaus der Mittelpunkt der kleinen Gemeinde, stand 1995 vor dem Verfall und schien unrettbar verloren. Es war vorhersehbar, dass sich Emerenz Meiers Spuren, wie das so vieler hoffnungsvoller junger Literaten, im Nebel der Vergessenheit verlieren würden. Warum also ausgerechnet an Emerenz Meier erinnern?  Geschichte verläuft jedoch selten linear.

„Stoßseufzer / Hätte Goethe Suppen schmalzen, / Klöße salzen, / Schiller Pfannen waschen müssen, / Heine nähn, was er verrissen, / Stuben scheuern, Wanzen morden, / Ach die Herren, / Alle wären / Keine großen Dichter worden“.

Die Entdeckung der Emerenz Meier,Teil I:

Nur wenige erkannten zu ihren Lebzeiten ihr großes schriftstellerisches Potential. Der Passauer Arzt und Schriftsteller Hans Carossa etwa, mit dem sie eine innige Freundschaft verband. Nach der Veröffentlichung ihrer ersten Gedichte und Erzählungen war sie für eine kurze Zeit, über ihre bayerische Heimat hinaus, ein Star der Literaturszene. Ihre erzählerische Qualität ist der eines Oskar Maria Graf oder einer Lena Christ vergleichbar. 1897 wird ihr einziges Buch „Aus dem bayerischen Wald“ veröffentlicht.

Emerenz Meier, Literarisches:

Als Jugendliche beginnt sie, zunächst gegen den heftigen Widerstand des Vaters, mit dem Schreiben von kleineren Gedichten und Geschichten aus dem Dorfalltag.

„Unverbesserlich / Der Vater verbot mir das Dichten, / Das Mütterchen stimmte mit ein: / Ich soll nach dem Stande mich richten, / Die Bücher dem Backofen weih'n.../...Ich ging in die dunkelste Kammer, / Hielt über die Verse Gericht, / Verfasste dann in meinem Jammer / Verstohlen dies Klagegedicht.“

Emerenz Meier zitat1893 wird ihre erste Erzählung in der Donau-Zeitung „Ein lustiges Weib“ veröffentlicht, Emerenz ist da gerade mal 22 Jahre alt. Ein starker Text, dem später weitere folgen sollten, etwa „Der Bua“, eine Erzählung über das Schicksal eines jungen Mädchens, das ein uneheliches Kind zur Welt bringt. Es sind Geschichten voller Melancholie und Anteilnahme, aber auch packend und originell in den Charakteren dargestellt. Die Benachteiligten und Ausgegrenzten der dörflichen Gemeinschaft haben es ihr angetan, etwa die Tochter eines Bauern, deren Liebe aufgrund der alltäglichen Diskriminierungen die sie als Behinderte erfährt, tragisch scheitert („Der Lumpenvater“). In ihrem erzählerischen Werk ist sie zwischen Naturalismus und kritischer Heimatkunst zu verorten, In „Bayerische Schriftstellerinnen – Ein Lesebuch“ wird anerkennend konstatiert, dass Emerenz Meier mit ihrem Werk „...zur Vorläuferin der literarischen Moderne“ wird. Ihre Poesie, teilweise in Mundart geschrieben, überrascht durch Eindringlichkeit und Ausdruckskraft. Beinahe hymnisch wirkt ihre Naturlyrik, mit der sie ihre tiefe Verbundenheit zur Natur und ihrer Heimat zum Ausdruck bringt: “...Ich bin des freien Waldes freies Kind...“ Die politischen Gedichte der Emerenz Meier haben es in sich, ebenso scharf greift sie die Benachteiligung von Frauen auf:

„Wenn sich ein Weib aus der Herde erhebt  / Und nicht nach der alten Schablone lebt, / Dann soll's von der Menge gesteinigt werden, / Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden...

Die Entdeckung der Emerenz Meier,Teil II:

Viele einzelne Mosaiksteine lassen unser heutiges Bild von Emerenz Meier Gestalt annehmen: Heimatkundler wie Paul Praxl, Hans Göttler u.a. forschen zum Teil über Jahrzehnte und publizieren ihre Erkenntnisse. Ein Theaterstück über Emerenz Meiers bewegtes Leben sorgt in den 8oer Jahren für Aufmerksamkeit. Die Verfilmung ihrer Kindheit durch Jo Baier 1988 gehört dazu. In ihrer Heimatgemeinde Schiefweg schließen sich in den 90ern engagierte Menschen im „Emerenz-Meier-Haus-Verein e.V.“ zusammen und können das Geburtshaus der Dichterin quasi in letzter Minute vor dem Verfall bewahren. Künstler, wie die Gruppe „Bairisch Diatonischer Jodel-Wahnsinn“, vertonen Gedichte von ihr. Während eines Konzertes begegnet auch der Autor dieses Artikels erstmalig der Lyrikerin Emerenz Meier. Das herzzerreißende „Wödaschwüln“, ein Gedicht von EM, kongenial durch Monika Drasch gesanglich interpretiert und auf grün gestrichener Geige begleitet, blieb im Gedächtnis und regte zu Nachforschungen an.

Emerenz Meier, Biographisches:

Emerenz Meier wirtshaus oechsleinSie wird am 3. Oktober 1874 in Schiefweg bei Waldkirchen im Bayerischen Wald geboren. Ihre Eltern sind Wirtsleute und Bauern, sie selbst muss als Kind ihre Eltern bei der harten Arbeit unterstützen. Auffällig bereits in früher Jugend sind zwei Eigenschaften: Ihre große Wißbegier, die sie dazu bringt, bereits im Alter von etwa 10 Jahren Werke von Goethe, Schiller, Heine, Dante und Homer zu lesen. Und: Sie findet sich nicht mit den bestehenden Zuständen ab, rebelliert gegen die Zwänge, die von der dörflichen Gemeinschaft eines 300-Seelen-Dorfes im bayerischen Wald auferlegt werden. Früh erkennt sie soziale Ungerechtigkeiten und opponiert gegen sie, auch wenn sie dabei selbst Nachteile in Kauf nehmen muss.

Vom Schreiben kann sie nicht leben, der Bauernhof wirft nicht genug ab. Mit dem von ihr übernommenen Gasthaus in Passau, als Künstlerkneipe geplant, hat sie keinen Erfolg. Die verarmte Familie entschließt sich zur Auswanderung nach Amerika, wie Tausende andere Bayerwäldler auch. Der Vater, bereits 68 Jahre alt, reist mit den Schwestern voraus, Emerenz und ihre Mutter folgen 1906 nach Chicago nach. Sie muss ihren Unterhalt zunächst als Fabrikarbeiterin verdienen, zum Dichten bleibt da kaum Zeit. Erst 1919 nimmt sie den Kontakt zu ihrer Freundin Auguste Unertl aus Waldkirchen wieder auf. Im Nachlass finden sich 58 Briefe, die Aufschluss über ihre politische Haltung und über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den USA geben.

EM an Auguste Unertl, Dez. 1919: „Das große, reiche Amerika, das Land in dem Milch und Honig floß, ist durch den Wilsonschen Krieg und die Wilsonsche Regierung ruiniert; die Menschen erfahren nun auch hier, was Hunger und Elend ist. Der Kapitalismus saugt das Volk aus bis aufs Blut...“

Emerenz Meier stirbt nach schweren Krankheiten in Armut, im Alter von nur 53 Jahren in Chicago.

Die Entdeckung der Emerenz Meier,Teil III:

Seit etwa zwei Jahrzehnten ist Emerenz Meier als „Heimatdichterin“ aus dem Bayerischen Wald dem Vergessen entrissen. Die Mittelschule in Waldkirchen trägt ihren Namen, In Passau steht am Donauufer eine Büste von ihr. Und doch ist dies nicht die ganze Emerenz: Der Archivar Paul Praxl durchforstet bisher unbeachtete Briefe von ihr aus dem Stadtarchiv von Waldkirchen. Im Mai dieses Jahres veröffentlicht Friedemann Fegert „Emerenz Meier in Chicago“ und beide weisen sie auf bisher kaum beachtete (oder auch verdrängte?) Seiten der Emerenz Meier hin: Ihre bereits in Schiefweg erkennbar sozialkritische Haltung ist tiefer gehender als bisher bekannt und sie radikalisiert sich in der Emigration weiter. In den 58 erhalten gebliebenen Briefen aus Chicago äußert Emerenz Meier sehr eindeutige pazifistische Positionen und outet sich als Kommunistin.

EM an A. Unertl, März 1923: „Du und 1.000 andere Deinesgleichen haben [sich] selbst noch niemals darüber aufzuklären versucht, was Bolschewismus, resp. Kommunismus eigentlich ist...[...]...eine friedliche, neue Welt mit gebildeten freien, arbeitsfrohen Menschen..Eine Welt, die keine Kriege mehr kennt, weil nach dem Sturz der Geldherrschaft alle Momente dafür wegfallen..“

Text: Randolph Oechslein

Foto: Büste Emerenz Meier in Passau (Christine Wagner, 2008) von Andreas Praefcke

andere Fotos: Randolph Oechslein

Literaturhinweise:
Hans Göttler: „...des freien Waldes freies Kind.“ Ein Emerenz-Meier-Lesebuch. Grafenau 2008
Emerenz Meier: Gesammelte Werke. Hrsgg. v. Hans Göttler. 2 Bde. Morsak, Grafenau 1991
Friedemann Fegert: Emerenz Meier in Chicago, Edition Lichtland, 2014
Paul Praxl: „Ich bin fürchterlich radikal gesinnt“ Die unbekannte Emerenz Meier. Passau 2012
Monika Drasch, Eva Sixt u.a.: Emerenz Meier - out of Heimat. Musikalische und literarische Lebensbilder zwischen Bayern und Amerika (Doppel-CD, 2005)
Link zum Emerenz-Meier-Haus-Verein, Gaststube und Museum in Schiefweg: http://www.born-in-schiefweg.de

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