Literatur und Kunst
Tools
PDF

Target Verlag Wiljo Heinen17.08.2014: "Target - Die Brücke von Varvarin", eine Dokumentation eines Nato-Kriegsverbrechens und seiner Folgen,  erschien im Juni 2014 im Verlag Wiljo Heinen. In diesem Buch, das man keineswegs nur als 2. Auflage des im Scheunenverlag 2002 erschienenen Buches „Die Brücke von Varvarin“ sehen darf, finden sich die Erinnerungen von Betroffenen über die Bombardierung einer Brücke am Rande des Ortes Varvarin im Jugoslawien-Krieg. Ein militärisch unbedeutender Ort, eine Brücke, welche die kleine Stadt mit umliegenden Dörfern verbindet, ungeeignet für Militärtransporte, weit ab von der Autobahn zum Kosovo, irgendwo in der Weite Serbiens. Wir sehen in die Gesichter der Betroffenen und lernen die Menschen hinter den bloßen Opferzahlen, sogenannte Kollateralschäden, kennen. Wir erfahren von den Motiven der Opfer, die Bundesrepublik Deutschland als NATO-Mitgliedsland auf Schadensersatz zu verklagen. Völkerrechtler nutzen in diesem Buch die Gelegenheit, die Nato-Bombardierung als Kriegsverbrechen zu entlarven und schaffen es in wenigen Worten, geltende Regeln in einem Krieg und die Verstöße dagegen aufzuschreiben. Und wir können das Entsetzen der Familienangehörigen fühlen.

gabriele senft berlin 2013 mami 3354Im Einzelnen das Ganze zeigen, das ist die Absicht der Fotojournalistin. Varvarin steht für den ganzen Jugoslawien-Krieg der NATO 1999. Das gelingt Gabriele Senft, Fotografin und Friedensaktivistin aus Berlin, mit diesem Buch. Senft, die 1975 an der Karl-Marx- Universität ihr Journalistik-Studium abschloss, versteht sich als parteiliche Fotografin im Sinne der alten Arbeiterfotografie der 30er Jahre. Senft zeigt als Fotografin Haltung, will mit ihren Fotografien vermittelnd wirken und soziale Bewegungen stärken.  Sie selbst beschreibt an anderer Stelle ihre journalistische Grundhaltung mit einem Zitat des ehemaligen stellvertretenden Kulturminister der ehemaligen DDR Klaus Höpcke: „Wer sich zu dem, was er selbst erkannt hat, zu stehen nicht den Mut aufbringt, weil die Erkenntnis, die er gewann, einer allgemeinen Stimmung widerspricht,… beschädigt nicht zuletzt seine Persönlichkeit, denn er belastet sein Gewissen.“

Seit dem Beginn des NATO-Angriffskrieges gegen das ehemalige Jugoslawien brachte sie ihre fotografischen Fähigkeiten vorrangig für die Friedensbewegung ein. So fuhr sie als Fotografin mit dem Friedenskonvoi der „Mütter gegen den Krieg“ nach Belgrad. Sie traf in Varvarin auf Überlebende, verwundete und traumatisierte Bewohner einer kleinen, militärisch völlig unbedeutenden Stadt. Dort wurden am 30. Mai 1999 10 Menschen getötet und 17 schwer verletzt durch abgeworfene Bomben von Nato-Kampfflugzeugen. In ihrer Dokumentation konzentriert sie auf diesen kleinen Ort und begleitet die Menschen von 2001 bei ihrem ersten Besuch, als sie einen Anwalt begleitete bis in die Gegenwart,  mit der Kamera und sie hörte ihnen zu und schrieb das auf. In zurückhaltenden Bildern und in  Interviews, in denen nur die Betroffenen sprechen, dokumentiert sie die langsame Rückkehr der überlebenden Opfer in den Alltag und die gebliebene Verzweiflung. Sie bleibt ihrem fotografischen Grundsätzen treu, fotografiert das was war und ist, dramatisiert nicht, steht nicht abseits, organisiert Hilfe und ermutigt die Bewohner, ihnen geschehenes Unrecht anzuklagen. "Die Wahrheit über Varvarin zu verbreiten, ist Hauptanliegen dieses Buches", schreibt Gabriele Senft im Vorwort.

Die kleine beobachtete Episode in Varvarin lässt das Ausmaß der menschlichen Tragödien dieses Krieges nur erahnen.

Im zweiten Vorwort für das nun völlig überarbeitete Buch, erfährt man durch den Journalisten Rüdiger Göbel von dem Gesamtausmaß des 78 Tage und Nächte dauernden völkerrechtswidrigen Angriffskrieg: 2300 Luftangriffe, 22000 Tonnen Sprengstoff, 1300 Marschflugkörper, 37000 Streubomben, 1000 getötet Soldaten, 2500 getötete Zivilisten, 89 getötete Kinder.

Lesenswert und leicht verständlich ist das noch einmal im aktuellen Buch aufgenommene  Vorwort aus dem 2001 erschienenen Buch „Die Brücke von Varvarin“, das den Prozeß der Varvariner auf Schadenersatz unterstützte. Die Ausführungen von Bernhard Graefrath, dem ehemaligen Professor für Völkerrecht der Akademie der Wissenschaften der DDR  "Der Angriff auf die Brücke von Varvarin ist eine offenkundige Verletzung der Regeln des Kriegsrechts", denn bei der Brücke handelte es sich um kein militärisches Ziel, um einen unverteidigten Ort, zwischen militärischen Ziel und Zivilbevölkerung wurde nicht unterschieden und der Angriff erfolgte ohne Warnung der Zivilbevölkerung.“

"Türöffnerkrieg" nennt der ehemalige jugoslawische Außenminister Jonanovic´ den Angriffskrieg der NATO für Deutschland. Gabriele Senft weist darauf hin, dass zur Zeit deutsche Soldaten an 13 Kriegsschauplätzen in der Welt beteiligt sind und Bundespräsidenten Joachim Gauck und der derzeitigen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dies anscheinend nicht reicht. Ein lesenswertes, ansehenswertes Buch.

Text: Peter Werner, Fotojournalist, Verband der Arbeiterfotografen Kiel

Gabriele Senft
Target - Die Brücke von Varvarin
Dokumentation eines Nato-Kriegsverbrechens und seiner Folgen
Verlag Wiljo Heinen; Berlin 2014
Klappenbroschur, 224 S., 144 sw-Fotos, 16,80 €
ISBN 978-3-95514-901-7

Der Kommentar

Rechte Gewalt in Deutschland und die Ordnung im Bundestag

Rechte Gewalt in Deutschland und die Ordnung im Bundestag

Ein Kommentar von Bettina Jürgensen   

15.10.2019: Mit dem Anschlag in Halle, bei dem zwei Menschen ermordet wurden, findet faschistische, rassistische und antisemitische Gewalt in diesem Land seine erschreckende ...

weiterlesen

marxistische linke - Partnerin der Europäischen Linken

Bundesmitgliederversammlung marxistische linke

Bundesmitgliederversammlung marxistische linke

Bundesmitgliederversammlung
marxistische linke -
»ökologisch, emanzipatorisch, feministisch, integrativ«

Samstag, 19. Oktober 2019, 15:00 Uhr

öffentliche Veranstaltung

Marxismus - Feminismus

mit Bettina Gutperl

Ort: ND-Gebäude, B...

weiterlesen

Videos

BlackRock - Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns

BlackRock - Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns

23.09.2019: Keiner verfügt über mehr Geld als der amerikanische Finanzinvestor BlackRock. Über sechs Billionen US-Dollar verwaltet der Konzern. Der Dokumentarfilm "BlackRock – Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns" ...

weiterlesen

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier