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die verschwundene tochter cover18.04.2014: Ist in diesen Wochen von Brasilien die Rede, so denkt fast jeder unwillkürlich an die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft und man assoziiert Sommer und Lebensfreude. Schon nach nur einem Jahr in den Hintergrund geraten sind die großen Sozialproteste vom Sommer letzten Jahres, auf denen hunderttausende Demonstranten gegen die Milliarden- Kosten der Fußball-WM, gegen Korruption und gestiegene Lebenshaltungskosten auf die Straße gingen. Und kaum noch im Bewusstsein ist die über zwanzigjährige Militärdiktatur von 1964 bis 1985.

Am 1.April 1964 erfolgt ein reaktionärer Militärputsch, der die Bildung einer demokratischen Volksfrontregierung verhinderte. Die  Reformpläne des brasilianischen Präsidenten Joao Goulart sahen u.a. die Enteignung von Großgrundbesitzern ohne Entschädigungszahlungen und die Zulassung der Kommunistischen Partei vor. Es folgt das Verbot aller Parteien und im September 1969 übernimmt eine Militärjunta die Macht, die die systematische Folterung, Ermordung und das Verschwinden-Lassen von Oppositionellen zum charakteristischen Herrschaftsinstrument macht. Das Land wird von sogenannten Todesschwadronen terrorisiert, die zum Teil durch internationale Unternehmen wie Ford und General Motors finanziert werden.

Brasilien wird zum Pilotprojekt einer Herrschaftsvariante des Kapitals, dem in den folgenden Jahren weitere US-amerikanisch gestützte Diktaturen in vielen weiteren süd- und mittelamerikanischen Ländern folgen sollten (so u.a.in Chile, Uruguay, Argentinien).  

Vor kurzem ist zu dieser Thematik ein Buch des Brasilianers Bernardo Kucinski erschienen, der die Zeit von staatlichem Terror, von Folter und Liquidierungen wieder aufleben läßt und zeigt, wie diese Zeit bis in die brasilianische Gegenwart hineinreicht.

Bernardo Kucinski ist ein 1937 in São Paulo als Sohn einer pol¬nisch-jüdischen Einwandererfamilie geborener Wis¬senschaftler und Journalist, der nach dem Ende der Diktatur lange Jahre enger Berater des Präsidenten Lula da Silva war. Kucinskis Anliegen ist es,  Angehörigen der desaparecidos – Menschen, die in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur gefangen genommen oder verschleppt wurden und seitdem als vermisst gelten, eine Stimme zu geben.

Dieses Schicksal widerfuhr auch Kucinskis Schwester Ana Rosa Kucinski Silva. Diese hatte sich Ende der 1960er Jahre einer Widerstandsgruppe angeschlossen, wurde 1974 gemeinsam mit ihrem Mann festgenommen und gilt seither als verschwunden.

Alles in diesem Buch ist erfunden, doch fast alles ist geschehen“, heißt es zu Beginn des Romans, in dem der Leser sich gemeinsam mit K. auf die Suche nach seiner Tochter macht. "Seit zehn Tagen hatte seine Tochter nicht mehr angerufen (...) Er stellte Hypothesen auf. Vielleicht ein Unfall oder eine schwere Krankheit, über die sie nicht hatte sprechen wollen. Die schlimmste von allen wäre die Verhaftung durch die Geheimdienste. Der Staat hat weder Gesicht noch Gefühle, er ist undurchsichtig und pervers. Sein einziger Sehschlitz ist die Korruption. Doch manchmal wird selbst dieser aus übergeordneten Gründen geschlossen."

In dem aus wechselnder Perspektive erzählten Roman, in dem viele Akteure – Opfer, Täter, Mitläufer -  zu Wort kommen, tauchen wir ein ins Innere der brasilianischen Militärdiktatur. Der Leser hat fast den Eindruck, an einer Sitzung einer  fiktiven Wahrheitskommission zur Aufklärung der Verbrechen teilzunehmen. So z.B. wenn er an einer Therapiesitzung mit der schwer traumatisierten zweiundzwanzigjährigen Jesuina Gonzaga teilnimmt. Sie war Putz- und Sexhilfe in  einem Folter- und Todeshaus der Militärpolizei und stottert von unaussprechlichen Erlebnissen. "Immer, wenn ein neuer Gefangener gebracht wurde, kam Doktor Leonardo, ein Arzt aus Rio; wenn es dem Gefangenen während des Verhörs nicht gut ging, ging er in diesen geschlossenen Raum und  untersuchte ihn. Wenn Doktor Leonardo sich auf den Weg machte, wusste ich, es war zu Ende, mit diesem Gefangenen hatten sie kurzen Prozess gemacht."

In erster Linie aber erfahren wir in Kucinskis Roman von Hoffnung und Enttäuschung, Tapferkeit und Müdigkeit, Illusion und Trauer eines Vaters zu seiner Tochter. K. (der Vater des Autors), Ende der 30er Jahre aus Polen nach Brasilien ausgewandert, war in Polen selbst Mitglied einer jüdischen Widerstandsgruppe und zeitweise inhaftiert. Im Zusammenhang mit der Suche nach seiner Tochter erinnert er sich an von ihm lange Zeit verdrängte Phasen seines europäischen Lebens und Kämpfens - und er, der jiddische Schriftsteller, sieht sich herausgefordert, seine eigene jüdische Enklave in Sao Paulo mit seinen jüdischen Freunden und der  kulturellen Heimat seines geliebtes Jiddisch zu verlassen. Eindrucksvoll wird geschildert, wie K. zum ersten Mal in seinem Leben eine katholische Kirche betritt.  Ein mutiger Erzbischof  hatte eine Hilfsaktion für „Familienangehörige verschwundener politischer Oppositioneller“ in Gang gesetzt. Stundenlang hört er in der Kirche die Berichte anderer Angehöriger, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten Brasiliens mit einem gleichen Schicksal – das spurlose Verschwinden von Angehörigen.

Der Roman Kucinskis endet im Brasilien von Heute. Im Mai 2012 verabschiedet der brasilianische Kongress ein Gesetz zur Einsetzung der Kommission mit der Aufgabe, die Fälle von Folter, Mord, Verschwindenlassen und Beseitigung von Leichen aufzuklären. Bestrafungen oder das Empfehlen von Bestrafungen sind ihr nicht gestattet. Vorbild ist das südafrikanische Modell, das auf Versöhnung abzielt. Die Kommission hat eine Frist von gerade einmal zwei Jahren und setzt sich aus sieben von Präsidentin Dilma Rousseff ernannten Mitgliedern zusammen. Wie weit der Arm der brasilianischen Militärs bis heute in die Politik reicht, wird an folgender Tatsache deutlich: Als im Vorfeld dieses Gesetzes in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, ob nicht zumindest jene namentlich bekannten Personen, die nachweislich politische Gefangene in den Kellern der Diktatur gefoltert und umgebracht haben, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden müssten,  rebellierten 800 Generäle und Oberste – und damit war diese Überlegung vom Tisch.

Gegen Ende des Buches wird geschildert, wie in einer kleinen Zeremonie in einem weit außerhalb Sao Paulos gelegenen Neubaugebiet Straßen nach Opfern der Militärdiktatur benannt werden. "Während der Rückfahrt studierte K. die vorbeiziehenden Straßennamen etwas aufmerksamer. (...) Dann tauchte zu K.s Überraschung eine Avenida General Milton Tavares des Souza auf. Der General, der brasilianische Himmler, pflegte zu sagen, dass, um subversive Elemente umzubringen, jedes Mittel recht sei; und nach ihm sind Straßen benannt. Hauptstraßen. Wie war das nur möglich?"

Anmerkung

Auch die damaligen BRD-Regierungen  hatten enge Beziehungen zu den brasilianischen Militärdiktaturen. Das erste ausländische Staatsoberhaupt überhaupt, das die Militärdiktatur mit einem Staatsbesuch beehrte, war der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke, kaum sechs Wochen nach dem Putsch. Es folgte 1968 der Besuch von Außenminister Willy Brandt, der mit den Putschisten eine Zusammenarbeit auf nuklearem Gebiet verabredete. So konnte 1974 General Ernesto Geisel dem Oberkommando der Armee die Pläne für den Bau einer brasilianischen Atombombe vorlegen. Das wusste man die ganze Zeit schon irgendwie, aber Mitte August 2013, mit der Öffnung bis dahin geheimer Dokumente, wird es zur offiziellen Gewissheit. 1975 schloss die damalige BRD-Regierung mit dem Regime Ernesto Geisel das "Deutsch-brasilianische Abkommen über Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie", in dessen Rahmen die Anreicherung von atomwaffenfähigem Material ausdrücklich vorgesehen war.

Text: Günther Stamer

Bernardo Kucinski: „K. oder Die verschwundene Tochter"
Transit Buchverlag
Berlin 2013, 144 Seiten, 16,80 Euro


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