Literatur und Kunst
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Rodtschenko HH gst 372508.08.2013: Direkt neben den Machtinsignien der Hamburger Pfeffersäcke, der Börse und dem Rathaus, ist revolutionäre Kunst Sowjetrusslands zu bewundern. Noch bis zum 15. September 2013 kann  man  im Bucerius Kunst Forum in der Ausstellung 'Rodtschenko. Eine neue Zeit' in die revolutionäre Zeit der ersten Jahre nach der Oktoberrevolution eintauchen.

Alexander Rodtschenko (1891–1956) gehörte zu den treibenden Kräften der revolutionären, russischen Kunstszene.

In seinen Werken – Gemälden, Collagen, Photomontagen, Photographien, Skulpturen, Werbedesign und Typographie – gestaltete er neue dynamische Umgestaltungsmöglichkeiten und genreübergreifende visionäre Entwürfe für eine neue Gesellschaft. Kultur als Waffe im Klassenkampf in den unterschiedlichsten Formen war nach der Revolution gefragt. Dabei kam der Visualisierung des Neuen angesichts einer hohen Analphabetenrate eine herausragende Bedeutung zu. So schickte die Sowjetmacht z.B. Eisenbahn-Agitationszüge durch ganz Russland, um die bäuerliche Bevölkerung über das neue politische System aufzuklären: Die Waggons waren mit revolutionären Aufschriften, Emblemen und Karikaturen gestaltet und innen wurden vor Plakaten und Wandzeitungen politische Meetings abgehalten.

Rodtschenko HH gst 3723Die Ausstellung "Rodtschenko. Eine neue Zeit" gibt einen einzigartigen Überblick über die mediale Vielfalt seiner Werke. Das liegt daran, dass die Ausstellung Leihgaben aus Moskauer Sammlungen – der Familie des Künstlers, der Staatlichen Tretjakow-Galerie und des Puschkin-Museums –, der Sepheroth Foundation (Liechtenstein) und weiteren internationalen Sammlungen vereint.

Im Zentrum des malerischen Werkes der Hamburger Ausstellung stehen seine an Kandinsky und Malewitsch orientierten Gemälde im Stil des Konstruktivismus. So seine Bildserie 'Schwarz auf Schwarz', wo auf schwarzem Hintergrund schwarze Kreise und Ellipsen gemalt sind, die man als solche trotzdem erkennt, da deren Oberflächen im Unterschied zum Hintergrund glänzen.

Rodtschenko HH gst 3737Besonders augenfällig wird das Neue in der Kunst in Rodtschenkos Fotografien, Fotomontagen und Plakaten. Anfang der 20er Jahre gründet er gemeinsam mit dem Dichter Majakowski eine Werbeagentur. Sie arbeiten für Buchverlage, entwerfen Motive für Briefpapier, Anstecknadeln, aber auch Reklameentwürfe für Zigarettenmarken. Gegen Ende der 20er Jahre wendet Rodtschenko sich verstärkt der Fotografie und Fotomontage zu. Um die Sicht auf Dinge zu schärfen, verwendet er auf den Fotos zumeist ungewöhnliche Blickwinkel, wodurch er Verfremdungseffekte erzeugt. Die Hamburger Ausstellung zeigt hier eine ganze Reihe herrlicher großformatiger schwarz-weiß - Bilder, die für sich genommen einen Besuch der Ausstellung lohnen. Zumal diese ansonsten gar nicht öffentlich zugänglich sind. Diese sind nämlich allesamt von einer "Sepherot Foundation Liechtenstein" zu Verfügung gestellt worden.....

Aus der Fülle der Fotomontagen beeindruck am meisten eine aus dem Jahre 1930 mit dem Titel "War of the Future". Diese zeigt einen militärischen Angriff zweier Luftschiffe auf einen Wolkenkratzer – man fühlt sich unvermittelt an 9/11 erinnert.

Tief beeindruckt verlässt der Besucher die Ausstellung. Hat er doch an Hand den Künstlers Rodtschenko auch nach einem zeitlichen Abstand von über 90 Jahren den revolutionären Atem einer neuen Zeit gespürt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellte und ihm die Zuversicht der neuen Gestaltungsmöglichkeiten einer neuen Zeit vermittelte. Alles schien möglich, weil alles verwandelt werden konnte.

Text/Fotos: Günther Stamer