Literatur und Kunst
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ettie_gingold_100_jahre19.02.2013: So lautete der Titel der Matinee, zu der die 'Ettie und Peter Gingold Erinnerungsinitiative' am 17.02.2013 in das Frankfurter Titania-Theater eingeladen hatte. Anlass war der 100. Geburtstag von Ettie Gingold. Das Freie Schauspielensemble Frankfurt hatte gemeinsam mit der Initiative ein Programm erarbeitet, welches die nahezu 200 Gäste begeisterte. Ettie Gingold, 2001 verstorben, war zeit ihres Lebens eine mutige, kämpferische und außergewöhnlich engagierte Frau: Kommunistin, Jüdin, Antifaschistin und Kriegsgegnerin.

Sie war 22 Jahre alt, als sie Mitte der 1930er Jahre aus der rumänischen Provinz nach Frankreich emigrierte. Dort organisierte sie sich in einer antifaschistischen Jugendgruppe, war Mitbegründerin der FDJ (Freie Deutsche Jugend) und kämpfte während der Naziokkupation in der französischen Widerstandsbewegung Résistance gegen den deutschen Faschismus. Sie war Kurierin, stellte Flugblätter her und sorgte für die Verteilung – z.B. an Treffpunkten deutscher Soldaten. Mit ungeheurem Mut und jeder denkbaren Entschlossenheit schrak sie vor keiner Anforderung zurück.

Nach der Befreiung lebte sie mit ihrem Mann, Peter Gingold, in Frankfurt am Main und kämpfte in den Reihen der KPD für ein neues, antifaschistisches Deutschland. Bekannt wurde sie vor allem als Friedenskämpferin. Sie sammelte in den 50er Jahren Tausende Unterschriften unter den Stockholmer Appell und erneut in den 80er Jahren mehr als 12.000 Unterschriften unter den Krefelder Appell. Neben Willy Brandt, Heinrich Böll und Petra Kelly war Ettie eine der Rednerinnen auf der legendären Bonner Hofgartenkundgebung der Friedensbewegung.

Als Zeitzeugin sprach sie vor Jugendgruppen, Schulklassen und auf vielen Veranstaltungen der Gewerkschafts-, der Frauen- und der Friedensbewegung. Die Stadt Frankfurt am Main ehrte sie 1991 mit der Verleihung der Johanna-Kirchner-Medaille. 

Der Ansturm auf die Matinee war enorm. Die Schauspielerinnen Bettina Kaminski, Naja Marie Domsel und Etties Enkel, Joscha Gingold, lasen aus einer Auswahl von Texten und zeichneten so die Biografie der Geehrten durch die Höhen und Tiefen des vergangenen Jahrhunderts sehr lebendig nach. Zu hören waren Auszüge aus Reden und Briefen von Ettie selbst, Zitate aus Peter Gingolds Autobiografie „Bouelvard St. Martin No. 11“ sowie Berichte von Weggefährten. Mit zwei Einspielungen aus einem Film- und einem Audiointerview kam Ettie selbst zu Wort. Esther und Joram Bejarano bereicherten gemeinsam mit Kutlu Yurtseven von der Gruppe Microphone Mafia das Programm mit ihren einzigartigen Bearbeitungen traditioneller Musik aus der antifaschistischen und Arbeiterbewegung.

Etties Schwager, der 90-jährige Siegmund Gingold, war mit seiner Frau Hélène und seinem Sohn Marc aus Paris angereist und erinnerte in einer kurzen Ansprache an "unsere Mutter Courage", wie er Ettie liebevoll nannte. Er hob hervor, wie es Ettie gelungen war, für seine und Peters Eltern eine sichere Unterkunft zu finden und mit anderen Genossen deren Versorgung zu sichern, als die deutschen Faschisten Tag für Tag Juden in Paris verhaften und deportieren ließen.

In einer Gesprächsrunde erzählte Esther Bejarano von ihrer langjährigen Freundschaft mit Ettie; Katrin Raane erinnerte an zwei andere Freundinnen – Yvette Bloch und Henny Dreifuss – die ebenfalls als deutsche Emigrantinnen in der Résistance kämpften. Alice Cyborra ergänzte aus ihrer Tochterperspektive wie Ettie die Aufgaben als herausragende politische Aktivistin, als Mutter zweier Kinder und z. B. auch als legendäre Gastgeberin beeindruckend meisterte.

Als die Gäste sich nach der Matinee verabschiedeten war das Echo einhellig – das waren starke zwei Stunden der Erinnerung an eine starke Frau.

Mathias Meyers (Ettie-und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative)

Der Gingold Film

gingold_dvd_label_300Der Dokumentarflim 'Zeit für Zeugen – Eine Hommage an Ettie und Peter Gingold' wurde am 8. Mai 2011 in Frankfurt am Main uraufgeführt.

Der Film erinnert an das Lebenswerk von Ettie und Peter Gingold, die beide als junge Erwachsene während der Okkupation des faschistischen Deutschland in der französischen Widerstandsbewegung Résistance kämpften. Sie leisteten entschiedenen Widerstand unter Einsatz ihres Lebens, waren 1944 an der Befreiung von Paris beteiligt und blieben ihr Leben lang als Kommunisten und Antifaschisten in der BRD aktiv im Einsatz für eine freie und demokratische Gesellschaft. Insbesondere engagierten sie sich gegen jede Tendenz von neuem Faschismus, Antisemitismus und Rassismus. Als Zeitzeugen traten sie vor Schulklassen, Jugendgruppen und auf Demonstrationen und Kundgebungen auf.

Im Mai 2012 ist er in aktualisierter Fassung auf DVD erschienen und kann hier bestellt werden

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#unteilbar
Für eine offene und freie Gesellschaft – Solidarität statt Ausgrenzung!

Es findet eine dramatische politische Verschiebung statt: Rassismus und Menschenverachtung werden gesellschaftsfähig. Was gestern noch undenkbar war und als unsagbar galt, ist kurz darauf Realität. Humanität und Menschenrechte, Religionsfreiheit und Rechtsstaat werden offen angegriffen. Es ist ein Angriff, der uns allen gilt.
Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden. Wir halten dagegen, wenn Grund- und Freiheitsrechte weiter eingeschränkt werden sollen.

weiter im Aufruf zur Demonstration


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