Kapital & Arbeit
Tools
PDF

Digitalisierung09.04.2018: Bei digitaler Arbeit sprechen Kapitalvertreter häufig von Chancen, die sich den Beschäftigten bieten. Eine „neue Kultur und neues Vertrauen“ verspricht Oliver Tuszik, Vorsitzender der Cisco-Geschäftsführung in Deutschland. „Egal ob es um Homeoffice, flexible Teamstrukturen oder standortübergreifendes Arbeiten geht - alles schon heute möglich durch technische Lösungen und Tools, die kinderleicht funktionieren“, betont der hiesige Vertreter des US-amerikanischen Telekommunikationsgiganten. „Die Vorteile dieser Entwicklungen liegen für Unternehmen auf der Hand: Zufriedenere und selbständigere Mitarbeiter.“

 

„Mehr Vertrauen, mehr Verantwortung, mehr Selbstbestimmung“ für die Beschäftigten verkündet Professor Carsten Schermuly von der SRH Hochschule Berlin. Vor allem „der dynamische Wandel, die Vernetzung, die Unsicherheit und dazu gut ausgebildete und mündige Mitarbeiter, die wissen, wie wertvoll ihre Expertise ist“ machen Modelle wie „New Work“ erforderlich, so Carsten Schermuly: „New Work heißt nicht einfach flache Hierarchien“. Vielmehr müsse sich die Rolle der Führungskraft radikal ändern. Wer Strukturen in einem Unternehmen verändern will, müsse gleichzeitig „die Strukturen in den Köpfen der Menschen verändern, die in diesen Strukturen arbeiten“. Eine Führungskraft sei nicht mehr der Chef einer Abteilung, denn Teams sollen in Netzwerkstrukturen projektbasiert gebildet werden. Das sei zum Vorteil aller: „Das Schöne an der modernen Form der Organisation ist, dass nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die meisten Führungskräfte ihre Arbeit als sinnvoller erleben werden“, verspricht Schermuly, der Autor des Standardwerks „New Work - Gute Arbeit gestalten“

Das Management müsse lernen, „dass Befehl und Gehorsam“ nicht mehr funktioniere, betont Unternehmensberater Thomas Sattelberger: „Der Mitarbeiter ist kein unmündiges, zu schützendes und zu kontrollierendes Wesen mehr, sondern ein souveräner, eigenverantwortlicher Akteur. Das ICH betritt wieder den Platz“. Das sei nur durch „Demokratie im Betrieb“ umsetzbar, die allerdings ein neues Führungsverständnis voraussetze, argumentiert der frühere Vorstand der Telekom, der einen Bestseller über das „Das demokratische Unternehmen“ verfasst hat. Sattelberger will deshalb nicht mehr von „Angestellten“ sprechen, sondern von „Unternehmensbürgern“. (siehe: http://www.wiwo.de) Er betont die große Bedeutung des „Individuums“ in den Unternehmen. „Meine Vision ist, dass die Welt der Arbeit um einen zukunftsfähigen Akteur reicher wird. Dieser Akteur ist das Individuum“.

Der betriebliche Alltag verspricht weniger „Chancen“ und „Vorteile“, wie Zahlen der Krankenkassen zeigen. Für jeden zweiten Beschäftigten in Deutschland ist die digitale Arbeitswelt zum beruflichen Alltag geworden – das ist das Ergebnis des aktuellen BKK Gesundheitsreports. Nach einer repräsentativen Umfrage unter 3.000 Beschäftigten fühlen sich 32,7 Prozent der Befragten durch die digitalisierte Arbeitswelt stärker psychisch bzw. physisch belastet als früher. Die durch psychische Störungen bedingten Krankheitstage haben in den vergangenen zehn Jahren um mehr als das zweieinhalbfache zugenommen, so der Krankenkassenverband. Insgesamt beklage mehr als jeder vierte Beschäftigte, auch in der Freizeit für Arbeitsfragen erreichbar sein zu müssen.

Die Diskussionen um die Digitalisierung dominieren derzeit die Unternehmen. Selbst eine Debatte, wie Tarifverträge zu Digitalisierung aussehen könnten, findet auf Gewerkschaftstagen nicht statt. Dabei ist Tarifpolitik immer auch ein Instrument zur Mitgestaltung der Arbeitsbedingungen. Die IG Metall hat dabei eine große Tradition. Ein großer Erfolg in den 80er Jahren war der Lohnrahmentarifvertrag II in Nordwürttemberg-Nordbaden. Bezahlte Erholungspause oder Taktzeitbeschränkung am Fließband beugten Stress am Arbeitsplatz vor.

Wie eine Arbeitsintensivierung verhindert und eine ausreichende Personalausstattung in einer „Industrie 4.0“ durchgesetzt werden kann, wird in den Gewerkschaften nicht thematisiert. Darauf zu setzen, dass dies durch Betriebsvereinbarungen von Betrieb zu Betrieb durchgesetzt werden kann, stellt eine Überforderungen der meisten Betriebsräte dar. Eine breite gewerkschaftliche Diskussion, wie die „Zukunft der Arbeit“ gestaltet werden kann, fehlt derzeit.

txt: Marcus Schwarzbach, Berater für Betriebsräte, Autor des isw-Wirtschaftsinfo 53

Das neue isw-Wirtschaftsinfo 53 will Anregungen für eine Diskussion zur Gestaltung der Digitalisierung geben
Wirtschaftsinfo 53 "Geht uns die Arbeit aus? Wie sich die Digitalisierung auf die Beschäftigten auswirkt" bestellen


mehr zum Thema

Syrien Afrin Stop Genocide 3

Solidarität mit Afrin! Besatzer raus aus Afrin!
Schluss mit der deutschen Unterstützung für Erdogans Angriffskrieg !

medico international: Spenden für Nothilfe in Afrin

Der Kommentar

Gestern My Lai. Heute Afrin. Stoppt das Massaker

Gestern My Lai. Heute Afrin. Stoppt das Massaker

Ein Kommentar von Leo Mayer  

16.03.2018: Heute jährt sich zum 50. Mal das Massaker von My Lai. Eine US-amerikanische Einheit hat damals, am 16. März 1968, mehr als 500 Bewohner eines vietnamesischen Dorfes - alles unbewaffnete Zivilisten, Frauen, Kinder, Babys, Greise - abgeschlachtet. Es dauerte ein Jahr bis dieses Verbrechen an die Öffentlichkeit kam. Bis dahin wurde geglaubt, was US-R...

weiterlesen

Im Interview

Mustafa Bali: "Mit Hilfe deutscher Waffen wird ein Kalifat in Afrin errichtet"

Mustafa Bali:

19.03.2018: Kerem Schamberger sprach mit Mustafa Bali, Sprecher der Syrisch-Demokratischen Kräfte SDF. Mustafa Bali: Ziel der Türkei ist, den IS wiederzubeleben. Wenn die Türkei die Kontrolle über Afrin erlangt, wird ganz Europa in Gefahr sein.

weiterlesen

marxistische linke

Komm mit zum Farkha-Festival 2018!

Komm mit zum Farkha-Festival 2018!


25 Jahre Jugendfestival in Farkha (Palästina) – 25 Jahre Widerstand gegen Krieg und Besatzung, für einen gerechten Frieden       

22.03.2018: Zum 25. Mal wird vom 23.7 - 30.7.2018 das »International Farkha Youth Festival« stattfinden. Lasst uns gemeinsam hinfahren und uns solidarisch mit den palästinensischen Genoss*innen und ihrem Kampf gegen Krieg und Besatzung zeigen.

weiterlesen

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier