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koeln 130615 verdi demo VMetzroth 3050 s14.06.2015: Dem Aufruf zu vier DGB-Demonstrationen am Samstag zur Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen der Sozial- und Erziehungsberufe folgten rund 26.000. Alleine in Köln waren 15.000 mit Fahnen, roten Schals, gedruckten und selbst gemalten Plakaten unterwegs, um nicht nur den Herrschaften des Kommunalen Arbeitgeberverbands zu signalisieren: unsere Forderungen nach der Aufwertung unserer Arbeit stehen auf der Tagesordnung, auch wenn wir momentan wegen der Schlichtung nicht streiken. Redner*innen von DGB, IGM, ver.di und GEW unterstrichen ihre Solidarität und Kampfbereitschaft.

 

Köln war auch ein emotional bewegendes Erlebnis. Selbst der Wettergott schien beeindruckt und schaltete von Wolkenbruch auf Sonnenschein um, als Gruppen von Erzieherinnen auf der Bühne ihre selbst gedichteten Streiklieder zu Melodien bekannter Schlager und Volkslieder gekonnt vortrugen und die Massen zum Singen und Tanzen brachten. Da kam die Kreativität zum Ausdruck, ohne die ihre Arbeit mit Kindern und auf vielfältige Unterstützung angewiesene Menschen nicht möglich wäre. Aber auch jene Kreativität und jenes Engagement, die Streikende auch anderswo entwickeln, wenn sie Gemeinsamkeit erleben und ihre eigene Kraft spüren. Auf die Dauer werden das die Arbeitgeber, sprich die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker nicht aussitzen können, selbst wenn die Kraft 2015 noch nicht zum entscheidenden Durchbruch reichen sollte.

Der Kampf der Sozial- und Erziehungsbeschäftigen weist auf positive Veränderungen in der Gewerkschaftslandschaft hin. Dass es nicht mehr die traditionellen Kampftruppen der Gewerkschaften im öffentlichen Dienst und der Daseinsvorsorge wie Busfahrer und Müllwerker sind, die für andere die Kohlen aus dem Feuer holen, ist nicht neu. Hier haben Privatisierung und Deregulierung auch gewerkschaftliche Strukturen zerschlagen.  Wenn jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, die Kindergärtnerinnen – an dieser Stelle sei bewusst an den heute als abwertend empfundenen Begriff erinnert – streiken, er wäre gefragt worden, von was er nachts träume. Das änderte sich in den letzten Jahren auch weil die Anforderungen kaum noch etwas mit Verwahrung von Kindern zu tun hatten. Es geht heute um frühkindliche Erziehung und Förderung, für die man fünf Jahre selbstfinanzierte Ausbildung absolviert. Grundschullehrer, bestimmt auch nicht überbezahlt, leisten Vergleichbares für über 1.500 Euro mehr im Monat.

In den Tarifrunden der letzten Jahre stieg die Bereitschaft, auch mal einen Tag die Kita zu schließen um an einer Streikdemo von ver.di und GEW teilzunehmen. Aber wegen Lohnprozenten „unsere Kinder“ eine Woche oder länger „auszusperren“, das ging noch über die Vorstellungskraft von Menschen, denen ihr Beruf mehr als ein Job ist, die Kinder oder auf soziale Hilfe angewiesene Menschen mehr sind als nur Kunden. Dazu bedurfte es des auf die Spitze Treibens der jahrzehntelangen Arroganz von öffentlichen Arbeitgebern, die für Kriegseinsätze und -gerät ebenso Geld haben wie für Bankenrettung, aber angeblich keines, wenn es um jene geht, denen wir unsere Kinder und Enkel anvertrauen. Jetzt haben sie vier Wochen gestreikt. Mit ihnen und dem dabei Gelernten wird künftig zu rechnen sein.

Mit der Frage der Wertschätzung der Erziehungs- und Sozialarbeit wird auch die Frage gestellt, wie wir leben wollen, ob der Mensch vor Profit geht oder umgekehrt. Deshalb erfuhren die Streikenden trotz Hetze in manchen Medien Solidarität, auch und gerade von jenen Eltern, die mehr erwarten, als dass ihre Kinder während ihrer Arbeitszeit sicher verwahrt werden. Ohne breite Unterstützung ist dieser Kampf schwer zu gewinnen. Wenn im Autowerk die Bänder stehen, lässt sich der stündliche Profitverlust gut errechnen. In diesem Streik aber sparten die Kämmerer wöchentlich 20 Millionen an Gehältern ein, was sie nicht unbedingt zum Einlenken motivierte.

Neu ist, dass nach dem Anrufen der Schlichter zwar der Streik suspendiert wurde, nicht aber der gewerkschaftliche Kampf. Nicht nur die vier DGB-Demonstrationen zeugen davon, sondern viele örtliche Aktionen, die für die nächsten Tage vorbereitet werden. Das zeugt vom Druck im Kessel genauso wie davon, dass dieser Druck auch nach innen Wirkung zeigt. Neu ist auch, dass der DGB und seine nicht direkt involvierten Mitgliedsgewerkschaften sich erstmals seit den Streiks um die 35-Stunden-Woche in der achtziger Jahren wieder über die obligatorische Solidaritätsadresse hinaus in eine Tarifauseinandersetzung aktiv einschalten. Das ist hoch zu bewerten, waren und sind doch das unterschiedliche Verhalten der Gewerkschaften zum Tarifeinheitsgesetz und die differenzierte Bewertung des Kooperationsabkommens von vier Gewerkschaften nicht unbedingt ein Signal der Geschlossenheit.

Dafür, dass diese neue Form der Zusammenarbeit keine Eintagsfliege bleiben soll, tragen die Spitzen der Gewerkschaften eine hohe Verantwortung. Aber auch die vielen ehrenamtlichen Funktionsträger an der Basis, die in den letzten Wochen verstärkt über die Grenzen von Fachbereichen und Gewerkschaften Kontakte knüpften, sich unterstützten und mehr kooperierten. Wenn bei den nächsten Aktionen dann auch die streikenden Postler*innen dabei wären oder wer auch immer gerade im Kampf steht, könnte das der nächste Schritt sein, gemeinsam die berechtigten Forderungen aller Arbeitenden unüberhörbar auf die politische Agenda zu setzen.

Text/Fotos: Volker Metzroth

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Infos hier: https://klima-streik.org/

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