Kapital & Arbeit
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20.01.2011: Nach Angaben von Allianz Global Investors stieg das private Geldvermögen in Deutschland im vergangenen Jahr auf eine Höhe wie nie zuvor, auf fast fünf Billionen Euro. Genau: 4.880.000.000.000 Euro. Der leichte Einbruch im Krisenjahr 2008 war bereits im Folgejahr 2009 wettgemacht worden; 2010 ging es wieder in die Vollen.

Geldvermögende kennen keine Krise. Ihren Geldreichtum vermehrten sie im Vorjahr um 220 Milliarden Euro. Die Geldvermehrung  ist doppelt so hoch wie der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit 100,5 Mrd. Euro. Das zeigt, dass der Anspruch des Geldvermögens an die realen produzierten Werte längst nicht mehr erfüllt werden kann. Das wird auch deutlich an der Entwicklung des Geldvermögens in den letzten Jahrzehnten: Mit 4,88 Billionen Euro ist es heute dreimal so hoch wie 1991 (1,6 Bio. Euro) - das BIP ist in der gleichen Zeit nur um 57% gewachsen. Und es ist jetzt doppelt so hoch wie das jährliche BIP (2,49 Billionen Euro). Die Geldvermögensbesitzer haben mit ihren Geldtiteln quasi Anspruch auf zwei Jahres-BIP.

Mit dem Ansteigen der Geldflut nimmt der Verwertungsdruck der Geldmassen zu. Die Geldvermögensströme rasen um den Globus, von Finanzmarkt zu Finanzmarkt,  auf der Suche nach möglichst hohen Zinsen und Renditen:

  • Sie dringen derzeit verstärkt in Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien etc. ein; eingeschleust von Investoren, die an den höheren Renditen in diesen Ländern teilhaben wollen. Das befördert in jenen Ländern Inflation und Blasenbildung im Immobiliensektor, an Rohstoff-  und Wertpapier-Börsen.
  • Sie strömen via Banken und Fonds in schwächere EU-Länder, wie Griechenland, Portugal, Irland und Spanien, spekulieren mit Kredit-Ausfallversicherungen wie Credit Default Swaps (CDS) und anderen "finanziellen Massenvernichtungswaffen" (Warren Buffett) auf die Pleite ganzer Staaten. Und verdienen dann prächtig an neuen Staatsanleihen, deren Renditen doppelt und dreifach so hoch sind wie bei deutschen Bundesanleihen. Das höhere Risiko lassen sie sich über "Rettungsschirme" auf Kosten der europäischen Steuerzahler absichern.
  • In Deutschland profitieren sie an der rasant zunehmenden Staatsverschuldung, verursacht durch Bankenrettungs-Pakete, Konjunktur-Programme und Euro-Rettungsschirm.
  • Und die Geldmassen bewirken in Form von Aktien und Unternehmensanleihen einen noch größerem Renditedruck in der Realwirtschaft, also in den Konzernen und Unternehmen. Auch das beweist die Entwicklung in der BRD im vergangenen Jahr, wie jetzt das Statistische Bundesamt jetzt bei Vorstellung der Ergebnisse des BIP 2010 aufzeigte. Danach hat die Umverteilung zugunsten der Profiteinkommen durch Druck auf die Löhne im Vorjahr rasant zugenommen. Während die Arbeitnehmerentgelte gerade mal um 2,6 Prozent zunahmen, schossen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 13,2 Prozent in die Höhe und trieben damit die Geldrakete weiter an.

Da die Regierungen in den kapitalistischen Industrieländern nicht willens und fähig sind, die Geldmassen über Steuern - z.B. Millionärsteuer - wirksam abzuschöpfen, steigt die Geldflut weiter, nimmt der Druck auf den Damm zu, mit der Gefahr eines erneuten Bruchs und einer neuen, noch zerstörerischen Finanzkrise.  Gegen die verheerende Flutwelle nützen dann auch die größten  "Rettungsschirmen" nichts mehr. Und schon gar nicht Flickschustereien, in Form von lauen Finanzmarktregeln, wie sie seit drei Jahren diskutiert, aber nicht einmal im Ansatz umgesetzt werden. Solange die Flut steigen kann, wird sie eines Tages auch eine Schwachstelle finden und durchbrechen -  Finanzmärkte und Realwirtschaft in den Strudel ziehen. Das Problem ist nicht der Damm, das Problem ist die Flut.

Text: Fred Schmid   Grafik: Bernd Bücking, isw Wirtschaftsinfo 43, 04/2010

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. - isw