Käthe Kollwitz und Berlin

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Kaethe-Kollwitz-und-Berlin24.07.2017: Aus Anlass des 150. Geburtstages der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz wird ihr künstlerisches Schaffen und politisches Wirken in Berlin derzeit an verschiedenen Ausstellungs-Orten gewürdigt. Und gleichzeitig wird – wie augenblicklich über vieles in der Berliner Kulturszene (erinnert sei nur an die umstrittenen neuen Theater-Intendanzen an der Berliner Volksbühne und dem Berliner Ensemble) - leidenschaftlich diskutiert. Auch über Käthe Kollwitz. Dabei geht es weniger um die große Aktualität ihres Werkes sondern um die Frage, wie und vor allem wo dieses Werk, das aufs Engste mit dem "proletarischen Milieu" Berlins verbunden ist, in eben dieser Stadt "präsentiert und repräsentiert" wird.

Käthe-Kollwitz-Museum ohne Leitung – und bald ohne Haus?

Den Anfang der Ehrung machte "standesgemäß" das Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße am 26. Juni in Anwesenheit des Berliner Kultursenators Klaus Lederer (Die Linke). Doch im Berliner Blätterwald wurde weniger über die Intentionen der Ausstellung sondern über die Zukunft des Museums debattiert und spekuliert.

kollwitz museum berlin gstDie Leiterin des Museums, die Kunsthistorikerin Iris Berndt, hat nämlich just in diesen Tagen "hingeschmissen". Hintergrund ist der Streit um die Zukunft und den künftigen Standort dieses privaten Museums. Das Käthe-Kollwitz-Museum Berlin befindet sich seit Mitte der 80er Jahre in einer 1871 als erstes Wohnhaus in der Fasanenstraße errichteten Stadtvilla. Im Oktober läuft der Mietvertrag nun aus. Der Besitzer des Hauses ist Berndt Schultz, der ehemalige Chef des Aktionshauses Villa Grisebach. Geht es nach seinen Plänen, soll das Kollwitz-Museum aus der Villa in der Fasanenstraße in Charlottenburg nach Neukölln umziehen, weil Schulz "sein Haus" lieber anders nutzen möchte – die Rede ist von einem "Exilmuseum".

Eberhard Diepgen (CDU, Ex-Bürgermeister), sucht in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Käthe-Kollwitz-Museums nun seit einigen Wochen fieberhaft nach alternativen Standorten für das Museum. "Es kommt darauf an, dass die finanziellen, wirtschaftlichen und musealen Voraussetzungen stimmen. Ich kann mir durchaus eine Reihe von Standorten vorstellen und da bin ich an Bezirke nicht gebunden", ließ er in der Presse verlauten.

Soweit, so unklar. Betritt man jetzt die Ausstellungsräume, so liegt gleich am Eingang eine Unterschriftenliste aus, die den Erhalt des Museums am angestammten Platz fordert. Übrigens hat sich der Kultursenator bei der Ausstellungseröffnung am 26. Juni zur "Standortfrage" nicht positioniert.

"Käthe Kollwitz und ihre Freunde"

Aber kommen wir zurück zur aktuellen Ausstellung im Käthe Kollwitz-Museum. Mit Kunstwerken, Briefen, Dokumenten und Fotografien wird dort gezeigt, in welchem künstlerischen und sozialen "Netzwerk" Käthe Kollwitz sich zeit ihres Lebens bewegte und woher sie Anregungen für ihre Arbeiten fand, wie sie aber auch auf andere Künstler anregend wirkte. Neben vielen ihrer bekannten Werke (so die Lithografie "Nie wieder Krieg" oder ihr Plakat "Brot" für die Hungerhilfe der Internationalen Arbeiterhilfe) sind auch ihre "Produktionsmittel" zu begutachten, mit denen sie diese Arbeiten geschaffen hat, so z.B. den Druckstock aus Kalkschiefer für das "Brot"-Plakat.

An Werken "ihrer Freunde" sind in der Ausstellungen u.a. zu sehen: Grafiken von Max Liebermann zu Hauptmanns "Die Weber" - parallel gehängt zum Kollwitzschen "Weberzyklus". Heinrich Zille ist mit Berliner Milieustudien vertreten und mit dem Ankündigungs-Plakat zu seinem mitverantworteten Film "Mutter Krausens Fahrt ins Glück". Parallel zu Zille hatte Käthe Kollwitz ebenfalls ein Plakat für diesen Film gestaltet, das die unterschiedlichen Stile der beiden Künstler deutlich vor Augen führt. Wichtiger künstlerischer wie politischer Anreger für Kollwitz war der autodidaktische kommunistische Maler Otto Nagel, über den sie Kontakt zum "kommunistischen Milieu" hielt und mit dessen Hilfe sie die Sowjetunion besuchte und dort auch Ausstellungen hatte.

Abschließend wird im Museum auf den heute weitgehend unbekannten Maler und Holzschneider Reinhard Schmidhagen (1914-1945)  hingewiesen, der in der Ausstellung mit einer beeindruckenden Holzschnittfolge "Guernica" (1937) vertreten ist. Mit ihm war Käthe Kollwitz in ihren letzten Lebensjahren im intensiven brieflichen Austausch und sah in ihm ihren künstlerischen Erben. Sein Tod im gleichen Jahr wie der seiner Förderin verhinderte dies.


Käthe Kollwitz im Prenzlauer Berg

Dem Besucher des Käthe-Kollwitz-Museums in Charlottenburg fällt der Kontrast zwischen dem gutbürgerlichen Umfeld des Museums und den überwiegend dem proletarischen Milieu ihrer Zeit entstammenden sozialkritischen Motiven ihrer Arbeiten buchstäblich ins Auge.

Käthe Kollwitz hat über fünfzig Jahre lang im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg gelebt und gearbeitet. Ihr Ehemann Karl Kollwitz hat dort als Armenarzt praktiziert und sie hat ihn häufig bei seinen Hausbesuchen begleitet – das dort gesehene proletarische Leid fand Eingang in ihre Arbeiten. Deshalb fordern viele Berliner Kunstschaffende, dass ein Käthe-Kollwitz-Museum eigentlich in diesen Stadtteil hingehört.

kollwitz denkmal berlin gstEinen Vorgeschmack darauf, wie eine stimmige Würdigung aussehen könnte, liefert eine Ausstellung in der Galerie Parterre im Kulturareal am Thälmann-Park in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Kollwitz-Wohnung. In der Weißenburger Straße 25(heute Kollwitz Straße 56A ), etwa 15 Gehminuten von der Galerie Parterre entfernt, lebte und arbeitete Käthe Kollwitz von 1891 bis 1943. Ihr ehemaliges Wohnhaus wurde im November 1943 von einer Brandbombe zerstört und seine Ruine nach dem Krieg abgetragen. Jahrzehntelang blieb das Eckgrundstück unbebaut, erst in den 1990er Jahren entstand dort ein neues Wohnhaus. In dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Park steht seit 1960 eine vom Bildhauer Gustav Seitz geschaffene Plastik.

Kollwitz-RevolutionZur Ausstellung "Käthe Kollwitz und Berlin". Mit rund 70 Arbeiten aus dem Bestand des Käthe Kollwitz Museums Köln, ergänzt um Leihgaben aus den Grafischen Sammlungen der Stiftung Stadtmuseum, der Berlinischen Galerie und der Kunstsammlung der Akademie der Künste, zeigt die Ausstellung ein umfangreiches Bild des lithografischen Schaffens der Künstlerin zwischen 1891 und 1938. Dabei stehen die Zyklen "Ein Weberaufstand" und "Der Bauernkrieg" im Zentrum. Es schließen sich Bilder von ausgezehrten Mütterfiguren und ihren proletarischen Familien an. Großen Raum nehmen - im Gegensatz zur Ausstellung in Charlottenburg -  Arbeiten zur Novemberrevolution ein: So ist dort die Kohlezeichnung "Revolution, 1918" zu sehen, die lachende Arbeiter auf einem Wagen zeigt, der einen Triumphbogen – vermutlich das Brandenburger Tor – durchfährt. (Diese Arbeit ist auch das Titelbild des sehr empfehlenswerten Begleitbandes zur Ausstellung).  

Ebenso werden in der Ausstellung Zeichnungen gezeigt, die Käthe Kollwitz dann im Frühjahr 1919 nach Besuchen im Leichenschauhaus angefertigt hat. Ihre Wohnung war nicht weit entfernt vom Berliner Leichenschauhaus und dort konnte sie sehen, wie dort Familien nach Angehörigen gesucht haben, die Opfer des weißen Terrors geworden waren. Am 16. 3. 1919 notiert sie in ihrem Tagebuch: "Mal wieder im Leichenschauhaus gewesen, einen Erschossenen gezeichnet. Es war ein Russe – Schapski oder ähnlich heißend – sie nannten ihn hier immer Leo." Dieser "Russe" war der polnisch-deutsche Revolutionär Leo Jogiches, engster Mitstreiter von Liebknecht und Luxemburg, der am 10. März verhaftet, gefoltert und im Gefängnis Moabit erschossen worden war (Anmerkung: Dessen 150. Geburtstag wäre am 17. Juli zu würdigen gewesen. Eine Würdigung unmittelbar nach seinem Tod hat sein Mitstreiter Karl Radek verfasst. www.marxists.org/deutsch/archiv/radek/1921/rosakarlleo/index.html).

Kollwitz LiebknechtUnd auch das berühmte "Gedenkblatt für Karl Liebknecht. Die Lebenden dem Toten. Erinnerung an den 15. Januar 1919" ist in der Ausstellung zu sehen. Dieses Gedenkblatt entstand 1920. "Die Darstellung in der für Kollwitz neuen grafischen Technik lässt ihre Beschäftigung mit dem deutschen Expressionismus, vor allem mit dem Werk Ernst Barlachs erkennen. Hinter dem aufgebahrten Toten hat sich eine trauernde Menge aus dem Arbeitervolk versammelt; Männer, Frauen und Kinder, wie sie die Künstlerin in der vorbei defilierenden Masse im Leichenschauhaus gesehen haben könnte. Die Vorderen beugen sich in schmerzhafter Geste zu Liebknecht hinab; einer legt seine Hand auf das Tuch" (so die Beschreibung im Begleitbuch der Ausstellung).

Fazit: Ein Besuch beider Ausstellungen ist ausdrücklich zu empfehlen. Und dem Berliner Senat ist zu wünschen, dass er in Sachen Käthe-Kollwitz-Museum eine Entscheidung trifft, die dem Wirken der Künstlerin angemessen ist.

Text: fausto

Käthe Kollwitz und Berlin. Eine Spurensuche zum 150. Geburtstag.

Ausstellung in der Galerie Parterre,
Danziger Straße 101, Haus 103, Berlin,
bis zum 24. September, Mi–So 13–21 Uhr, Do 10–22 Uhr, Eintritt frei.

Das Buch zur Ausstellung, herausgegeben von Kathleen Krenzlin, ist im Deutschen Kunstverlag Berlin 2017 erschienen, 320 Seiten, 24,90 Euro

"Käthe Kollwitz und ihre Freunde"
im Käthe-Kollwitz-Museum,
Fasanenstraße 25.
bis 15. Oktober, Montag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Eintritt 7 Euro


 

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