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307s Farkha Festival 2014 kerem21.08.2014: Nun bin ich seit gestern wieder zuhause im ruhigen München. Die letzten Tage des Festivals und die Zeit danach waren so vollgestopft, dass ich leider nicht zum Schreiben gekommen bin. Dieser Bericht ist gleichzeitig der Abschlussartikel zum Farkha-Festival. Die Arbeit war gleich bleibend hart und anstrengend, bei 40 Grad im Schatten. Aber dafür konnten wir uns auf die Workshops danach freuen. Einer dieser Workshops behandelte das neu gegründete palästinensische Jugendsozialforum, das sich an die Weltsozialforumbewegung anschließt. Bereits im letzten Jahr hatten mehr als 800 PalästinenserInnen am Sozialforum in Tunis teilgenommen. Ein großer Erfolg. Nun wird auch an einem organisatorischen parteiübergreifenden Rahmen für Jugendliche gearbeitet, damit diese sich selbst eine Vertretung schaffen und weltweit aktiv werden können. Diese Entwicklung freut mich und vielleicht bringen die arabischen Sozialforen ja wieder  Schwung in die etwas eingeschlafenen europäischen Strukturen.

Bon Voyage Farkha Festival 2014 keremDer Abend steht unter dem Banner der Solidarität mit Lateinamerika und wir schauen uns den von der Rosa Luxemburg-Stiftung in Ramallah produzierten Film 'Bon Voyage' an. Dieser beschreibt den rassistischen Alltag bei der für in der Westbank lebende PalästinenserInnen einzigen Ausreisemöglichkeit ins Ausland über die King Hussein-Brücke nach Jordanien. Der Grenzabschnitt wird von Israel kontrolliert und für eine Strecke von nur 5 Kilometern benötigt man bis zu 16 Stunden(!) und muss bis zu 6 mal seine Passdokumente zeigen. Der blanke Horror, vor allem für kranke und alte Menschen, die zur Behandlung nach Jordanien fahren müssen.

Fahrt nach Jerusalem und Gespräche über Katalonien

Am nächsten Tag fahren alle internationalen Brigadisten nach Jerusalem zum Sightseeing. Bei der Abfahrt haben wir alle ein schlechtes Gefühl, da die meisten FestivalteilnehmerInnen diese Stadt noch nie in ihrem Leben gesehen haben. Israel verweigert ihnen die Einreise in die Stadt, die mit der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom zu einer der wichtigsten Pilgerstation für Muslime gehört.

Auf der Fahrt habe ich endlich die Gelegenheit, die fünf katalanischen Genossinnen besser kennenzulernen. Alle haben studiert und waren zum großen Teil schon arbeitslos. Judith zum Beispiel ist studierte Politologin. Da sie keinen Job gefunden hat, musste sie mit Mitte Zwanzig von Barcelona zurück zu ihrer Familie nach Girona ziehen und lebt jetzt von der Rente ihrer Großeltern, da auch ihre Eltern zu wenig verdienen. Sie engagiert sich in der linken katalanischen Partei CUP, 'Kandidatur der Volkseinheit'.

Die anderen Genossinnen sind in verschiedenen Bewegungen aktiv, so zum Beispiel in der BDS-Kampagne, die sich für einen Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel einsetzt (BDS gibt es auch in Deutschland). Helena, eine junge Medizinstudentin, ist in der Gesundheitsbewegung aktiv und engagiert sich gegen die Schließung von Krankenhäusern und den Abbau des Gesundheitssystems in Spanien, der mit dem neoliberalen Umbau der Gesellschaft und der Schuldenbezahlung an Banken zusammenhängt.

Alle beteiligen sich auch an Aktionen von PAH, einer Basisbewegung, die sich gegen Zwangsräumungen von Menschen wehrt, die ihre Mieten bzw. ihre Kredite nicht mehr bezahlen können.

Während wir durch den Checkpoint der Apartheidsmauer, die ganz Jerusalem von der Westbank trennt, fahren, diskutieren wir über die Entpolitisierung der Jugend. In Spanien tue sich etwas, so Helena. Immer mehr junge Menschen engagieren sich und, für mich überraschend, auch die älteren Generationen. Nur die mittleren Generationen blieben still und konform, die „Generation des Neoliberalismus“, wie sie die Genossin bezeichnet.

Bei den Europawahlen haben alle unterschiedlich gewählt, entweder die neue linke Partei Podemos oder die baskische Linkspartei Bildu. Das Bündnis der Kommunistischen Partei mit anderen linken Kräften, namens Izquierda Unida hat von ihnen keine Stimme bekommen. Es ist ihnen zu „verknöchert, zu alt und ohne Innovationen“. Das gibt mir zu denken, denn dieses Bild dürfte für meine Partei, die DKP oftmals auch gelten.

Zusammengefunden haben die Genossinnen durch die Brigadistas-Bewegung, die Delegationen nach Palästina und in die ganze Welt organisieren.  Auch sie berichten auf einem Blog über ihre Reise nach Palästina und wer der spanischen Sprache mächtig ist, dem sei er empfohlen: https://brigadapalestina2014.wordpress.com/ .

304s Farkha Festival 2014 keremAm Abend kehren wir müde zurück, doch uns erwartet noch die großartige Abschlussveranstaltung des Festivals. Fast 1000 Gäste sind gekommen, um den freiwilligen ArbeiterInnen zuzujubeln, darunter der Bürgermeister, ein Vertreter vom Kulturministerium und wichtige Mitglieder der Palestinian Peoples Party. Auch wir halten eine Rede, in der wir, Che zitierend, die Solidarität als Zärtlichkeit der Völker hervorheben und versichern, dass die Bevölkerungen weltweit an der Seite der PalästinenserInnen stehen. Zum Höhepunkt wird ein großes Gazza-Zeichen in Brand gesetzt, als Symbol für das Leiden der dortigen Menschen.

Das Festival ist nun vorbei, es wird abgebaut, gekehrt und Nummern ausgetauscht. Gleichzeitig werden hunderte von Selfies gemacht, um sich in Erinnerung zu halten. Diese 'Selfie-Kultur' ist in Palästina wirklich weit verbreitet und ziemlich nervig. Bei jeder Gelegenheit oder auch einfach nur so, werden Selbstporträts mit möglichst vielen Menschen gemacht und oftmals ins Internet geladen.

Für uns fällt der Abschied schwer, denn wir können nun ins sichere Europa zurückkehren, während die jungen GenossInnen hier vor Ort bleiben und dem Alltag der Besatzung ausgesetzt sind.

Gemeinsam fahren wir nach Ramallah und haben noch zwei politische Termine, über die ich in den kommenden Tagen jeweils eigene Artikel schreiben werde.

Wieder in Tel Aviv

Vor meiner Abreise aus Israel/Palästina verbringe ich noch einen halben Tag in Tel Aviv. Dort geht das (Party-)Leben wie gehabt weiter. Das Hostel, in dem wir uns befinden, ist komplett ausgebucht und alle sind am Feiern, so als ob nichts wäre. Diese Widersprüche, die nur von einer 45-minütigen Fahrt und einer für PalästinenserInnen unüberwindbare Grenze getrennt sind, sind nur schwer auszuhalten. Am Abend komme ich mit zwei israelischen Jugendlichen in die Diskussion. Sie trauern zwar um jeden Toten, aber für sie sind die Menschen im Gazastreifen und der Westbank einfach nur blöd („stupid“, wie sie sich ausdrücken). Denn die Menschen dort sollten doch dankbar dafür sein, dass Israel sie mit Wasser, Strom und Lebensmitteln versorge und nur militärische Ziele der Hamas angreife. Die Zahl der toten ZivilistInnen ist ihrer Meinung nach gefälscht.

Auch in Tel Aviv wird einem die Militarisierung der israelischen Gesellschaft schockierend vor Augen geführt. Alle zehn Meter begegnen einem schwerbewaffnete Soldaten, muss man seinen Ausweis zeigen oder durch einen Metallscanner gehen. Am Ben-Gurion-Flughafen muss ich wieder einen dreistündigen Sicherheitscheck hinter mich bringen. Überall befinden sich Informationsstände an denen man sich Flyer der World Zionist Organization mitnehmen kann und die für den Krieg in Gaza Werbung macht. Der Titel der Flyer: „Together at the front“ („Gemeinsam an der Front“). Darin werden die Fluggäste aufgerufen, zu einem Botschafter Israels zu werden und in der ganzen Welt dessen Kriegsziele zu verbreiten und zu unterstützen. Ein Herr Dr. David Breakstone, Vize-Vorsitzender der Organisation ruft dazu auf: „We need you on the frontlines wherever you are flying to“ („Wir brauchen dich an der Front, egal wo du gerade hinfliegst“). In Deutschland gibt es von diesen Kriegspropagandisten leider schon genug.

Text/Fotos: Kerem Schamberger

Zum Vormerken:

Das kommende 22. Farkha-Festival wird vom 1.-10. August 2015 stattfinden. Interessierte Jugendliche können sich gerne bei mir unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden

Zum Schluss noch ein Lese- und Filmtipp:

Eine interessante Kurzanalyse zur aktuellen Situation von Uri Weltmann, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Israels

5 Broken Cameras - Ein sehenswerter Dokumentafilm über die mit der Handkamera des Bauern Emad Burnat festgehaltenen zivilen Proteste in dem Dorf Bil'in

siehe auch:

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