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15.08.2014: Kerem Schamberger (Mitglied der DKP München und der marxistischen linken) nimmt am Farkha-Festival der Jugend der Palestinian Peoples Party (PPP) teil. Er berichtet: In den letzten Tagen haben sich meine Eindrücke, die ich im ersten Artikel beschrieben habe verstärkt. Es kam ein ganzer Bus mit Jugendlichen aus Nazareth (in Israel), es kamen eher unpolitische Studierende aus Nablus und alle unterstüzten den militanten Widerstand aller Organisationen im Gazzastreifen. Anstatt von Hamas sprechen sie vom Volkswiderstand gegen die Besatzung, der von allen getragen werde. Überall wo wir hinfahren, tragen die Menschen T-Shirts mit einer Rakete drauf und dem Spruch „Unterstütze den Widerstand“. Und in der Tat spricht das Völkerrecht den PalästinenserInnen das Recht auf bewaffneten Widerstand zu.

Ich halte es aber nach wie vor falsch, ZivilistInnen beim militanten Widerstand ins Visier zu nehmen und diese Frage wird auch unter den GenossInnen heftig diskutiert. Zum Beispiel beim Abschuss von Raketen Richtung Tel Aviv. Für viele stellt dieser Beschuss einen symbolischen Akt dar, um die dortige Gesellschaft aus ihrem Alltag zu reißen und deutlich zu machen, dass 30km entfernt ein erbarmungsloser Krieg gegen die arabische Zivilbevölkerung tobt. Tel Aviv ist sozusagen die Partystadt Israels, mit einem regen Nachtleben und einer langen Flaniermeile am Strand, bei der, bei malerischem Sonnenuntergang, Cocktails geschlürft werden.

Einig sind sich aber alle, dass Verhandlungen zu nichts geführt haben und sich die Situation immer weiter verschlechtert habe. Die Gewalt wird als Mittel gesehen, die israelische Regierung an den Verhandlungstisch zu zwingen, um wirkliche Verhandlungen und nicht nur jahrelange Verzögerungen zu erreichen. Dies kommt mir bekannt vor. Auch in Nordkurdistan wurden die Friedensgespräche Anfang 2013 erst aufgenommen, nachdem 2012 ein Jahr lang massive Angriffe der kurdischen Guerilla auf die türkische Armee stattgefunden hatten. Die türkische Regierung wurde mittels Gewalt an den Verhandlungstisch gezwungen. Ob das in Israel/Palästina auch klappt, weiß ich nicht, aber eine andere Alternative sehen die Menschen vor Ort vorerst nicht, nachdem mehr als 20 Jahre „verhandelt“ wurde.

Das eigentliche Kriegsziel Israels, nämlich die neu geschaffene Einheitsregierung zwischen Fatah und Hamas zu zerstören, konnte auf jeden Fall nicht erreicht werden. Im Gegenteil: Der Krieg hat die palästinensische Bevölkerung und zum Teil auch die politisch Verantwortlichen jeglicher Couleur zusammengeschweißt.

kollektive Arbeit und gelebte Solidarität
Am 3. Tag des Festivals haben wir einen Teil des Pausenhofs der Schule betoniert, damit die Kinder nicht mehr im Staub spielen müssen. Das war eine harte Arbeit. Viele werden sich bestimmt die Frage stellen, warum man in ein anderes Land fährt, in dem Krieg herrscht und dann auch noch fünf Stunden am Tag bei 40 Grad schuftet. Die Brigadearbeit ist aber etwas anderes, es ist ein Zeichen der Solidarität und des gemeinsamen Schaffens. Wir arbeiten meistens in Reihen und reichen die Eimer, gefüllt mit Beton, weiter. Dabei werden revolutionäre Lieder gesungen, Freundschaften geknüpft und nebenbei politisch diskutiert. Es kommt auf den Zusammenhalt an und auch die eigene Persönlichkeit entwickelt sich weiter. Viele der FestivalteilnehmerInnen sind noch sehr jung, zwischen 13-19 Jahren und hier lernen sie, was kollektive Arbeit und gelebte Solidarität heißt. Denn auch sie wachsen in einer kapitalistischen Gesellschaft auf, in der sie von Beginn an lernen ihre Ellbogen zu benutzen, um im Leben weiterzukommen. Auf dem Festival sehen sie das gelebte Gegenteil davon, das Funktionieren einer solidarischen Gesellschaft. In einem meiner Artikel über das Festival im Jahr 2011, bezeichnete ich dieses als „Keimzelle für eine neue Gesellschaft“. Und auch heute sehe ich diese Brigadearbeit als einen Teil dieser neuen Gesellschaft.

In einer Pause unterhalte ich mich mit der Genossin Amandla (ihre Eltern gaben ihr den Namen aus Respekt vor Nelson Mandela, der ebenfalls diesen Namen trug). Sie ist Bezirksverantwortliche von Jerusalem und gleichzeitig Frauensprecherin der Jugend der Palestinian Peoples Party. Auf ihrem Unterarm trägt sie ein großes Hammer und Sichel-Tattoo und sie weiß sich in einer patriarchal-muslimischen Gesellschaft, die sich natürlich auch teilweise in der Partei widerspiegelt, durchzusetzen. Wir diskutieren über Organisationsformen in der kommunistischen Partei und die damit verbundenen Probleme. Vieles kommt mir aus Deutschland bekannt vor.

Am Abend findet das Kinderfestival statt, für alle Kinder aus Farkha und umliegenden Dörfern. Es herrscht ein unbeschreibliches Geschrei, als eine Theatergruppe extra aus Ramallah ein Stück mit Clowns und kurzen Filmen aufführt.

4. Tag: Im Olivenhain
Am 4. Tag arbeiten wir ausnahmsweise nicht in Farkha, sondern fahren in das Dorf Deir Balut, das von israelischen Siedlungen praktisch umgeben ist. Es befindet sich in der Nähe der Stadt Salfit. Dort, so erzählt mir ein Genosse, werden besonders viele Siedlungen gebaut, da sich dort die größten Wasservorräte der Westbank befinden, auf deren Kontrolle es Israel ankomme. In Sichtweite liegt Tel Aviv. Das macht uns nochmal deutlich wie klein Israel und Palästina ist. Insgesamt handelt es sich um eine Fläche, die so groß wie das Bundesland Hessen ist. Das muss man sich mal vorstellen.

Wir arbeiten auf einem frisch bepflanzten Olivenhain. Die Arbeit ist mühsam, da es keinen Schatten gibt. Außerdem herrscht hier eine wahre Skorpionplage. Kaum haben wir die Arbeit auf dem Feld, das in unmittelbarer Nähe einer Siedlung liegt, begonnen, ist sofort ein Jeep der israelischen Armee da und beobachtet uns die ganze Zeit. Aber alle bleiben ruhig und arbeiten unbeirrt weiter. Als nach drei Stunden dann ein Genosse von einem großen Skorpion gestochen wird und unter starken Schmerzen sofort ins Krankenhaus gebracht werden muss, brechen wir die Arbeit ab. Ich bin ehrlich gesagt ganz froh darüber.

Wir fahren direkt nach Ramallah weiter, um auf dem zentralen Platz an einer Demonstration zum Boykott israelischer Waren in Palästina teilzunehmen. Aufgerufen hat die PPP und unter starker Pressebeteiligung laufen wir durch die Stadt. Dabei gibt es viel Unterstützung aus der Bevölkerung, denn viele sind sich bewusst, dass der Konsum israelischer Güter in Palästina, die zu einem Teil sogar in den besetzten Gebieten in den Siedlungen produziert werden, auch zur Finanzierung des Besatzungsregimes beiträgt.

Zum Abschluss dieses anstrengenden Tages fahren wir weiter in ein Schwimmbad in der Nähe der Birzeit-Universität, der größten Uni des Landes. Im Bad findet Socialising auf palästinensisch statt: Mit Shisha und Eis im Garten des Bades sitzend, lernen sich alle TeilnehmerInnen des Festivals noch besser kennen.

Hier diskutiere ich mit katalanischen und baskischen Genossinnen, über die Unabhängigkeitsbestrebungen in Spanien. Wir sind uns einig, dass nicht jede Form der Unabhängigkeit gut ist und es besonders auf die dominanten Kräfte innerhalb der Bewegung ankommt. Hätten linke, sozialistische und kommunistische Kräfte die Hegemonie, so würde eine Unabhängigkeit einen fortschrittlichen Charakter tragen. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Unterdrückung der arbeitenden Menschen nur in einem anderen Staatsgebilde fortgeführt werden.
Ziemlich erschöpft kommen wir am Abend wieder nach Farkha zurück und fallen wie Steine auf unsere Betten bzw. auf den Boden, auf dem wir in den Klassenzimmern der örtlichen Schule schlafen.

5. Tag: Theater zu Ehrenmorden an Frauen
Der 5. Tag hat bereits begonnen, wir haben auch heute viel gearbeitet. Wir bauen derzeit an einer Mauer am Rand des Dorffriedhofs. Am Nachmittag kommt die Leiterin des Büros der Rosa Luxemburg-Stiftung in Ramallah, Salam Hamdan, vorbei und gibt einen Workshop zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in Palästina. Später ist Jamal Jumaa von »Stop the Wall« da und berichtet über aktuelle Entwicklungen beim Siedlungsbau. Vielleicht werde ich in einem späteren Artikel mehr darüber schreiben.

Auch dieses Jahr wird das Festival nicht nur von Kritik an der israelischen Besatzung geprägt, auch Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in Palästina selbst spielt eine wichtige Rolle. Höhepunkt ist dabei heute ein Theaterstück einer Gruppe aus Tulkarm, das sich mit Ehrenmorden an Frauen auseinandersetzt. Mehr als 250 Menschen aus dem Dorf kommen, um sich das Stück anzusehen und es ist wirklich ergreifend. Am Schluss werden die Namen aller in den letzten drei Monaten von ihren Familien, Ehemännern, Vätern ermordeten Frauen verlesen und kein Auge ist mehr so wirklich trocken. Danach findet eine Diskussion zu dem Stück statt, die geprägt ist von Selbstkritik, Kritik am herrschenden Islamverständnis und eigenem Versagen in der Auseinandersetzung mit Ehrenmorden.

Kerem Schamberger

PS: Zum Schluss dieses Artikels sei noch eine Info aus dem Neuen Deutschland zu Propagandalügen über die Hamas bzw. dem Kriegsbeginn empfohlen, der wirklich lesenswert ist: Sieben Mythen über die Hamas
siehe auch:

Farkah Festival 2013

An vorderster Stelle steht die Einheit des palästinensischen Volkes

Das 18. Farkha-Festival in Palästina

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