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Farkha Festival 2014 kerem 211.08.2014: Kerem Schamberger aus München (DKP und Mitglied der marxistischen linken e.V.) ist auch dieses Jahr wieder nach Palästina gereist, um am jährlichen Farkha-Festival teilzunehmen. Er sendete uns einen ersten Bericht.

Nun befinde ich mich nach einem Jahr wieder auf dem Weg nach Israel und Palästina zum 21. Farkha-Festival der Jugend der Palestinian Peoples Party (PPP). Diesmal ist es anders: Es herrscht Krieg. Mit dem Begriff Krieg habe ich früher einen relativ(!) symmetrischen Kampf zwischen zwei Kriegsparteien verbunden. Doch heute nicht mehr und vor allem nicht in Bezug auf Israel/Palästina. Was im Gazastreifen stattfindet, ist ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Mehr als 80% der Toten sollen Zivilisten sein. Einfache Waffen stehen gegen eine der modernsten Armeen der Welt.

Ich fliege mit El Al und im Flugzeug liegt die Jerusalem Post aus und auf einer der vorderen Seiten beklagt sich Israels Wirtschaftsminister, dass wegen des Krieges die geplante 15-prozentige Steigerung der Touristenzahlen leider nicht erreicht werden wird. Probleme gibt’s...

Schockierend ist einer der Hauptkommentare auf Seite 16 der Ausgabe vom 7. August von Anna Geifmann mit dem Titel „Who is killing Palestinian Children?“. In Deutschland gilt es zurecht als falsch,  im Israel-Palästina-Konflikt historische Vergleiche mit dem deutschen Faschismus zu ziehen. Doch es geht auch andersherum. Geifmann vergleicht die Hamas mit der NSDAP, die zuerst auch demokratisch gewählt worden sei. Und genauso wie die Deutschen am Ende des 2. Weltkriegs, hätten jetzt eben auch die Palästinenser unter dieser Wahl zu leiden. Ihre Schlussfolgerung: „Would it be a stretch of the comparison to say that Palestinian children today are like 12-year-old members of the Hitlerjugend (…). Schwups ist die Frage, wer denn nun Schuld am Tod der Kinder sei, geklärt: Die Hamas und die Palästinenser.
Gott lass Hirn regnen, denke ich mir. Wenn es denn einen Gott gäbe.

Bei der Einreise in Israel das selbe Prozedere wie schon zweimal zuvor:
Ich zeige meinen Pass.
Frage: Wieso hast du einen arabischen Vornamen?
Antwort: Mein Vater ist Türke.
Frage: Seid ihr in der Türkei lebende Juden?
Antwort: Nein
Und schon sitze ich wieder für 6 Stunden in Verhör- und Warteräumen am israelischen Flughafen Ben Gurion. Um elf Uhr nachts komme ich endlich im Österreichischen Hospiz in Jerusalem an.

Dort zeigen mir zwei GenossInnen am nächsten Tag die Altstadt. Interessant sind die Gespräche, die ich mit ihnen, aber auch mit PalästinenserInnen, die ich auf der Strasse, im Cafe oder sonstwo treffe, führe.

Alle, aber wirklich alle, mit denen ich spreche (auch in den Tagen danach), unterstützen den bewaffneten Widerstand im Gaza-Streifen. Entgegen der westlichen Berichterstattung besteht dieser nicht nur aus Hamas-Kämpfern. Da gibt es noch den Islamischen Dschihad, die Brigaden der Peoples Front for the Liberation of Palestine (PFLP), der Democratic Front for the Liberation of Palestine (DFLP) und auch die Fatah unterhält bewaffnete Einheiten, die sich an Kämpfen gegen die Besatzungssoldaten im Gaza-Streifen beteiligen und auch Raketen abschießen sollen. Auch die beiden Rafiks (Genosse auf Arabisch) stehen hinter dem bewaffneten Widerstand und unterstützen dabei auch die Hamas. Das überrascht mich. Sie begründen das damit, dass es nicht auf die Ideologie ankomme, sondern dass dies auch Palästinenser seien, die nach 20 Jahren ergebnislosen Verhandlungen zwischen Fatah und Israel Fakten setzen würden. Im Sinne der nationalen Einheit würden sie jeden unterstützen, der Widerstand leistet. Auf diese Meinung treffe ich in den nächsten Tagen immer wieder: Die islamistische Weltanschaung der Hamas wird abgelehnt, der militante Widerstand aber begrüßt. Das diese islam(ist)ischen Organisationen ebenfalls die nationale Einheit und nicht ihren religiösen Fundamentalismus in den Vordergrund stellen, zeigt die Tatsache, dass vor kurzem beim Widerstand gegen das Eindringen der israelischen Soldaten in den Gazastreifen der Oberkommandant der Nordtruppen des Islamischen Dschihads getötet wurde: Er war Christ(!) und hieß Daniel Mansour. Bisher wurden durch israelische Luftschläge mehr als 60 Moscheen komplett zerstört, mehr als 100 wurden schwer beschädigt. Angesichts dessen öffneten die Priester des Gazastreifens sofort ihre Kirchentore für betende Muslime, von den Kirchtürmen war von nun an nicht nur das Läuten der Glocken, sondern auch der Imam zu hören.

Diese Beispiele zeigen deutlich: Der Israel-Palästina-Konflikt ist kein Clash of Civilisations, kein Kampf zwischen Islam und Judentum, sondern ein Kampf um Beendigung der Besatzung, um Landverteilung und für/gegen die Entstehung eines palästinensischen Staates. Außerdem wird klar, dass eine Trennung zwischen dem Kampf der Hamas u.a. und der Zivilbevölkerung nicht wirklich gemacht werden kann, denn alle unterstützen die militanten Aktionen. Auch (und vielleicht besonders) Familien, die Angehörige im Krieg verloren haben. (Die GenossInnen schätzen, dass bei Wahlen, die Hamas diese auch in der Westbank gewinnen würde.)

Die Gespräche, die eigentlich seit dem Osloer Friedensprozess immer wieder geführt wurden, haben aus der Sichtweise der PalästinenserInnen zu nichts geführt. Im Gegenteil, es verschlechterte sich die Situation immer weiter, es gibt tausende politische Häftlinge und auch die israelische Landnahme durch Siedlungen (mehr als 500.000 Siedler leben mittlerweile in der Westbank) und die Apartheids-Mauer nimmt stetig zu.

Farkha Festival 2014 kerem 01Am nächsten Tag, Samstag, den 9. August, geht es weiter über Ramallah ins 40km entfernte Farkha, zum dortigen 21. Farkha-Festival. Dieses wird natürlich vom derzeitigen Krieg überschattet, aber die GenossInnen der Palestinian Peoples Party (PPP) haben entschieden, das Festival trotzdem stattfinden zu lassen, um zu zeigen, dass auch die Menschen in der Westbank nicht klein beigeben. Auf dem Festivalplatz ist ein großes Transparent aufgespannt, dass an den jüdischen Genossen Kayhmeh a.k.a Kuku erinnert, der uns letztes Jahr in den biologischen Gartenbau eingeführt hat und der mich sehr geprägt hat. (s.a. Farkha-Festival 2013 –Tag 4: Harte Arbeit, Schwimmen, Schlafen) Er ist vor vier Wochen an Krebs gestorben, das habe ich nicht gewusst und es macht mich sehr traurig.

Dieses Jahr befinden sich InternationalistInnen aus Deutschland (DKP, marxistische linke), Spanien (Jugend der Kommunistischen Partei Spaniens, PCE) und Norwegen unter den mehr als 130 BrigadistInnen, die aus allen Teilen Palästinas gekommen sind, um für eine Woche Freiwilligenarbeit zu leisten und zu diskutieren.

Das Programm ist dieses Jahr sehr voll und es wartet viel Arbeit auf uns. Wir werden eine Wasserquelle, die aufgrund einer ungeklärten israelischen Rechtslage bisher nicht genutzt werden konnte, mit dem Dorf verbinden, der Pausenhof der Schule wird verbessert und vergrößert und es werden politische Graffitis an verschiedene Wände gemalt.

Am Abend wird das Festival mit einer Demonstration gegen den Krieg eröffnet. Sie wird von vielen politischen Parteien unterstützt, u.a. von der Fatah, PFLP, DFLP, PPP.

Momentan hat auch der Weltfriedensrat eine Delegation nach Palästina geschickt, um aufgrund des Krieges politische Gespräche zu führen, und so sind führende FreundInnen und GenossInnen der Ländersektionen des Friedensrates aus Israel, Zypern, Türkei und Griechenland anwesend. Der Zufall will es, dass ich die meisten kenne: Mit dem zypriotischen Vertreter Christos, der auch gleichzeitig Mitglied von Akel ist, war ich vor genau zehn Jahren auf einer Arbeitsbrigade in Kuba und die türkische Vertreterin, Zühal Okuyan, wohnt ausgerechnet in dem 2000-Einwohner-Dorf Karaburun in der Westtürkei, in dem mein Vater ein Ferienhaus hat.

Gleichzeitig zu unserer Demonstration sollte eine große Kundgebung der israelischen Friedensbewegung gegen den Krieg in Tel Aviv stattfinden. Erwartet wurden bis zu 10.000 Menschen. Diese wurde aber von „der einzigen Demokratie im Nahen Osten“ verboten, mit der Begründung, aufgrund des Raketenbeschusses der Hamas dürften sich nicht mehr als 500 Menschen an einem Platz aufhalten.

Am Sonntag, den 10. August, beginnen püntklich um 08:00 Uhr früh die Arbeiten – das Schreiben an diesem Artikel tut mir weh, so viele aufgeplatzte Blasen habe ich durch Schaufeln, Hacken und Steine tragen an den Händen. Wahrscheinlich ein Ergebnis meines behäbigen Studentenlebens. Zum Glück bin ich nicht der/die Einzige.

Am Nachmittag gibt es einen Workshop zum Thema, wie die Einheit der Linken in Palästina herzustellen sei, denn mit PPP, PFLP, DFLP gibt es immerhin drei kommunistische Parteien, die bei Wahlen zusammengenommen auf bis zu 20% der Stimmen kommen könnten. Tun sie aber nicht, da sie immer getrennt kandidieren.

Leider kann ich daran nicht teilnehmen, da wir gemeinsam mit palästinensischen GenossInnen eine Solidaritätsaktion vorbereiten, deren kurze Pressemitteilung ihr hier lesen könnt:

21. Farkha-Festival solidarisiert sich mit Kurden in Shingal

Farkha, Palästina - Das von der Jugend der Palestinian Peoples Party (PPP) in der Westbank ausgerichtete Farkha-Festival solidarisierte sich am 10.08.14 mit den kurdischen Jesiden, die durch die Terroristen des IS (Islamischer Staat) in Südkurdistan von einem Völkermord bedroht sind.

Farkha Festival 2014 kerem 1Auf einem selbstgemalten Plakat drückten die Festivalteilnehmer ihre Solidarität mit der jezidischen Bevölkerung in Shingal aus. Mohammed Baker, der Organisator des Festivals, betonte in seiner Rede die Kraft der internationalen Solidarität. Egal ob in Gazza oder in Shingal, egal ob Kurde oder Araber, es gelte vereint gegen die Handlanger des Imperialismus zu stehen, so Mohammed.

Der Festivalteilnehmer Kerem Schamberger hob den Widerstand der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und der kurdischen Guerilla HPG gegen die IS-Terroristen hervor. Nur durch den von ihnen geschaffenen Fluchtkorridor von Shingal nach Rojava (Westkurdistan) konnten Tausende von jezidischen Familien dem Tod entkommen. Auch Deutsche und Spanier beteiligten sich an der Aktion.

Am Abend findet, wie auch letztes Jahr, eine Veranstaltung zur Solidarität mit den tausenden politischen Gefangenen in israelischen Haftanstalten statt. Auch vier Jugendliche, die ich vom Festival 2011 kenne, sind seit mehr als eineinhalb Jahren im Knast. Verschiedene Vertreter von Gefangenenorganisationen betonen die Wichtigkeit der Solidarität mit den Häftlingen. Ressam Baker, Verantwortlicher der PPP für die Gefangenen, betont die Wichtigkeit der Einheit der Gefangenen untereinander, egal von welcher Organisation.

Mit einer Manöverkritik der heutigen Arbeiten findet der zweite Tag des Festivals sein Ende.

Ich melde mich wieder in den nächsten Tagen.

Kerem Schamberger

PS: Dieses Jahr werde ich nicht, wie letztes Jahr, einen Bericht von jedem einzelnen Tag verfassen, sondern nur Schwerpunkte des Festivals und meines Aufenthalts hervorheben.

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