Eine Millionen Menschen bei Newrozfeier

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18.03.2012: Am Abend gehen wir frühzeitig ins Bett, denn am nächsten Morgen, Sonntag den 18. März, soll von kurdischer Seite die offizielle Newrozfeier beginnen. Auch wenn alle ruhig und gelassen wirken, eine gewisse Anspannung ist trotzdem zu spüren. Der türkische Staat hat alle Newrozfeiern, die vor dem 21.3.12, dem eigentlichen Neujahrstag stattfinden sollen verboten. Die Begründung ist bescheuert: Feste sollen nur an dem Tag gefeiert werden, auf den sie auch wirklich fallen. Dabei wird Newroz traditionell eine Woche um das eigentliche Datum herum begangen. In den letzten Jahren hat dies den Staat noch nicht so sehr gestört. Dieses Jahr ist es aber eine politische Entscheidung, das Fest im voraus zu verbieten. Die AKP will verhindern, dass die kurdische Bewegung wieder Millionen von Menschen mobilisiert, wie sie das in den letzten Jahren schon geschafft hatte.

kerem_06_DiyarbakirDa der 21.3.12 ein Mittwoch ist, an dem die meisten Menschen arbeiten müssen, hatte die BDP dazu aufgerufen, die Feierlichkeiten in Amed und Istanbul schon am Wochenende davor zu machen. Die Partei widersetzte sich nun dem Feier-Verbot und rief dazu auf, trotzdem schon am Sonntag zu den Feierlichkeiten zu gehen. Um die Bedeutung des Festes verstehen zu können, muss man wissen, dass es nicht einfach nur ein Neujahrsfest wie bei uns Sylvester ist, sondern gleichzeitig ein politisches Fest, das dieses Jahr unter dem Motto „Entweder Freiheit oder Freiheit,  Nicht Krieg sondern Verhandlungen, keine Isolation sondern Freiheit“ stattfand. Auf den Feierlichkeiten werden politische Reden und Musik dominieren. Es ist klar, dass jeder, der auf dieses Fest geht, sich mit dem kurdischen Freiheitskampf identifiziert.

kerem_05_DiyarbakirAm Morgen machen wir uns in aller Frühe auf den Weg zu einem BDP-Stadtteilbüro. Überall in der Stadt gibt es solche Treffpunkte, von denen gemeinsam man in Richtung des zentralen Newroz-Platzes, der extra dafür errichtet wurde, laufen soll. Als wir ankommen befinden sich schon einige hundert Menschen vor dem Büro, die Frauen tragen sehr bunte, oft glitzernde Kleider, viele Kinder und Männer sind traditionell gekleidet, mit oliv-grünen Anzügen, die auch von den Guerilla-Kämpfern der HPG (Verteidigungskräfte des Volkes, besser bekannt als PKK) in den Bergen getragen werden.

Kaum kommen wir an, fängt die Polizei nach kurzen Verhandlungen mit der Parlamentsabgeordneten Emine Ayna an, uns mit Tränengasgranaten zu bombardieren. Gepanzerte Polizeifahrzeuge fahren durch die Menge um sie zu zerstreuen. Es gab keinen Grund uns anzugreifen, allein das Verbot jeglicher Versammlungen hat dazu geführt, dass die Polizei schon am frühen Morgen mit aller Härte in der ganzen Stadt gegen die Menschen vorgeht. Als ein schwer bewaffneter Trupp Polizisten auf uns zumarschiert, bekommen wir Panik und fliehen. Nachdem wir uns als Delegation, die momentan vor allem aus Jugendlichen des Verbands kurdischer Studierender in Europa, YXK besteht, wiedergefunden haben, hält ein Kleintransporter neben uns, der uns zum zentralen Newroz-Platz fahren will.

kerem_03_DiyarbakirAuf dem Weg dorthin sehen wir aus der ganzen Stadt Rauch und Tränengasschwaden aufsteigen, überall befinden sich Menschen auf dem Weg zum Platz, oftmals über Seitenstrassen um die Polizeibarrikaden zu umgehen. Je näher wir kommen, umso surrealistischer wird der Anblick: Der Platz liegt etwas außerhalb an einem Neubaugebiet der Stadt und zehntausende Menschen befinden sich zu Fuß auf dem Weg zum Platz, während sie von einem Armeehubschrauber aus mit Tränengasgranaten beschossen werden. Es liegt ein Nebel aus Gas vor uns, den die abgeschossenen Granaten verströmen.

kerem_20_DiyarbakirIrgendwie schaffen wir es über ein unbebautes Feld zum Platz zu kommen, auf dem sich schon tausende Menschen befinden und die Eroberung des Platzes feiern. Später erfahren wir, dass er in der Früh umstellt von Polizei war und vor allem Menschen, die aus den umliegenden Dörfern gekommen sind, diesen zurückerobert hätten. Dabei wurden sie von der Polizei mit echten Patronen beschossen, deren Hülsen noch überall offen auf dem Boden herumliegen.

Die Stimmung auf dem Platz wird nach und nach immer besser, zehntausende strömen herbei, es werden Trommeln und Klarinetten mitgebracht, die Menschen beginnen zu tanzen. Gleichzeitig werden um den Platz herum stehende Fahrzeuge der Telefongesellschaft Turkcell in Brand gesteckt, da diese als getarnte Polizeifahrzeuge gebraucht und ihre gesammelten Funkdaten an die Polizei weitergeben würden, so antworten Umstehende auf unsere Fragen. Auf dem Platz führe ich mehrere Gespräche mit den unterschiedlichsten Personen. Diese bilden die Grundlage des jW-Artikels, der am 22.3.12 erschienen ist.

kerem_04_DiyarbakirDie Siegesstimmung auf dem Platz zu beschreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit, es herrscht ein Selbstbewusstsein über die eigene Stärke auf dem Gelände, wie wir es noch nie gespürt haben. Menschen jeglichen Alters, jeglicher Herkunft feiern dort friedlich ihr Neujahrsfest. Nur auf Polizeipräsenz wird empfindlich reagiert, es werden Steine geworfen. kerem_19_DiyarbakirDies ist verständlich, hatten sie doch versucht, das Fest komplett zu verhindern. Während hunderttausende Menschen feiern, - am Ende sollen es mehr als eine Millionen gewesen sein (bei einer Einwohnerzahl von Diyarbakir von ca. 1,4 Millionen) - , laufen in der Stadt noch heftige Straßenkämpfe ab, um den Zugang zum Platz komplett zu ermöglichen.

kerem_07_DiyarbakirAls wir uns am späten Nachmittag zu Fuß auf den Nachhauseweg machen sind wir erschöpft aber glücklich - so etwas haben wir noch nie erlebt. Busse fahren nicht, da diese ein Beförderungsverbot auferlegt bekommen haben. Die Solidarität untereinander ist jedoch groß, Autos und Transporter nehmen so viele Menschen wie möglich auf ihren Ladeflächen mit. Um die Menschen weiter zu provozieren beschießt die Polizei die Heimkehrenden mit Tränengasgranaten und Wasserwerfern, die eine Lösung aus Wasser und Reizgas versprühen.  Wir erfahren, dass die Hamburger Delegation vor dem zentralen BDP-Haus von Wasserwerfern angegriffen wurde, mehrere ausländische Beobachter wurden getroffen, verletzt zum Glück keiner.

Ein Genosse und ich machen uns auf dem Weg zu einem Restaurant, bei dem wir mit einer weiteren Hamburger Delegation bestehend aus Mitgliedern der jungen Gruppe Atesh , zusammentreffen sollen. Auf dem Weg dorthin kommen wir an zwei Polizeitransportern vorbei, ein Polizist steigt aus und zeigt auf unsere in den kurdischen Farben Rot, Grün, Gelb gehaltenen Halstücher. Er sagt, es ist verboten diese hier zu tragen und ohne dass wir richtig kapieren was passiert, reißt er sie uns praktisch vom Hals. Wir sind so baff, das wir nicht wissen, wie wir reagieren sollen. Hätten wir Widerstand geleistet, wären wir wahrscheinlich erstmal in Gewahrsam gelandet. So ziehen wir, ihn verfluchend (ACAB), weiter zum Restaurant, wo wir die GenossInnen aus Hamburg kennenlernen.

Kerem Schamberger

Fotos: ?ivan 

 

Marseille-Forum

Am 10. und 11. November treffen sich die progressiven Kräfte Europas in Marseille zum Marseille-Forum, um eine Alternative Zukunft für Europa zu diskutieren. Die Europäische Linke unterstützt dieses Treffen.
Pierre Laurent, Nationalsekretär der Französischen Kommunistischen Partei (PCF):

EL Marseille-Forum PierreLaurent


 

100 Jahre Oktoberrevolution

marxistische linke lädt ein

Logo-Revolution-Gegenrevolution

Das 20. Jahrhundert war eines der Revolutionen: in Russland, Ungarn, Deutschland, Spanien, China, Mexico, Chile, Cuba und vielen anderen Staaten. Daraus ragen die Oktoberrevolution und Maos Langer Marsch mit dem Sieg der Kommunisten 1949 als epocheprägende Ereignisse heraus. Diese Revolutionen sind Teil des langen Zyklus von Revolution und Gegenrevolution, der mit der französischen Revolution 1789 eröffnet wurde. Ging dieser lange Revolutionszyklus mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Ende?  Was kann Revolution in den Ländern des entwickelten Kapitalismus heute noch heißen?
Wir diskutieren mit

Frank Deppe
Autor des Buches: 1917 | 2017 - Revolution & Gegenrevolution

Sa., 25. November 2017, 15:00 Uhr
Frankfurt a.M.
Gewerkschaftshaus, Wilhelm-Leuschner-Str. 69-71

Hinweis
Mi, 22. November 2017, 20:00 Uhr, Rüsselsheim, Stadtbücherei am Treff
Veranstalter: attac, DGB und Naturfreunden Rüsselsheim


 

Tödliche Agri Kultur - Wie Monsanto die Welt vergiftet

Monsanto-Glifosato

Demnächst entscheidet die EU über die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat. Die EU will, dass Monsanto seinen Bestseller weitere zehn Jahre verkaufen darf.

Seit 20 Jahren werden in Argentinien riesige Flächen mit gentechnisch veränderter Soja bepflanzt. In Monokultur. Anfangs war das für die Landwirte, die Saatgutverkäufer und die Chemie-Konzerne ein Freudenfest. Allen voran: Monsanto. Heute ist das Modell Monsanto gescheitert. Nicht für die Investmentfonds, aber für die Landwirte vor Ort und für die Verbraucher in den Städten.

Tödliche Agri Kultur - Wie Monsanto die Welt vergiftet
Ein Film von Gaby Weber

siehe auch


 

wenn die umstaende 300p

marxistische linke: Jetzt Mitglied werden


Sie kommen im Morgengrauen!

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von Bettina Jürgensen

18.11.2017: Am Montag in aller Frühe kam die Nachricht, dass es bei unserem Genossen Kerem Schamberger aus München eine Hausdurchsuchung gegeben hat! Die erste Frage war: Was wollen DIE schon wieder von Kerem? In letzter Zeit wurde immer häufiger seine Facebookseite gesperrt, vor fast genau einem Jahr sollte die Zulassung als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni in München verhindert werden, Kerem kämpfte erfolgreich gegen sein drohendes Berufsverbot. Jetzt musste er bei seiner Hausdurchsuchung zusehen und Handy, Laptop, USB-Sticks wurden beschlagnahmt.

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Marsch ins militärische Kerneuropa

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Kommentar von Leo Mayer
15.11.2017: Am Montag haben die Außen- und Verteidigungsminister von 23 der 28 EU-Staaten mitgeteilt, eine Militärunion zu gründen. "Ein großer Tag für Europa", sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in Brüssel dazu. Ein großer Tag vor allem für die Rüstungsindustrie. Denn jeder EU-Staat, der sich an der Militärunion beteiligen will, muss sich verpflichten, die nationalen Rüstungsausgaben regelmäßig zu steigern.

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Walter Baier: "Forum in Marseille ist ein erster Schritt"

Walter Baier:

Frage: Am 10. und 11. November beraten in Marseille Parteien, Initiativen und Organisationen über neue Formen der Zusammenarbeit . Es gibt bereits verschiedene linke Foren und Denkfabriken, transform! ist eine davon. Warum muss jetzt noch ein weiteres Forum entstehen?

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Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

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